3.130 Seemeilen Wasser – die Pazifiküberquerung

Wir verlassen die Galapagos-Inseln guter Dinge für die längste Seereise auf der Barfußroute. Zum Ausklarieren kommt wieder ein Schiff voller Beamter. Unser Schiff wird allerdings nur von zwei Beamten durchsucht, die sicherstellen, dass man keine Steine oder Korallen als Souvenirs mitnimmt. „Wenn das jeder machen würde, hätten wir in einigen tausend Jahren keine Inseln mehr“, ist das Argument. An dem soll es nun wirklich nicht scheitern und Ballast haben wir auch so genug. Nachdem wir der Natur nichts entwendet haben, sind wir nach 15 Minuten und ebenso vielen Formularen fertig. Sie machen auch wieder Fotos mit ihrer Kamera und unterhalten sich auf Spanisch. Kerstins Spanisch ist zwar nur bruchstückhaft, aber sie versteht, dass sich die Beamten gegenseitig das Schiff erklären, bestaunen irritiert die Fluchtluken. Ja, da sind tatsächlich Fenster an der Wasserlinie. 

Nach einer kleinen Weile sehen wir am Kartenplotter ein Mayday-Signal im Hafen von Puerto Villamil. Dieses Signal wird von einem Gerät am sendenden Schiff abgesetzt und an benachbarte Funkstationen verteilt. Beim Empfangsgerät, ertönt dann ein lautstarker Alarm, den man quittieren muss und die Alarm-Position wird angezeigt. Man ist verpflichtet, zu Hilfe zu kommen wenn möglich. Deshalb lässt sich dieser Alarm auch nicht ausschalten. Am betreffenden Ort sind aber dutzende andere Helfer näher als wir und wir entspannen uns wieder. Die Entspannung verfliegt rasch als das Signal den ganzen Tag über alle paar Minuten eingeht. Es scheint ein Alarm-Defekt am betreffenden Schiff vorzuliegen. Am Funk dieses Schiffs meldet sich niemand und als wir endlich in Funkreichweite von Puerto Villamil sind, meldet Martin das Signal an den dortigen Hafenkapitän, damit unsere Nachtruhe gesichert wird. Kurz darauf verstummt das nervtötende Signal. Endlich Ruhe.

Mehr als drei Wochen nur Wasser und kein Land weit und breit. Manche denken sich vielleicht, wir hätten einen Vogel. Stimmt! Es ist ein Rotfußtölpel oder „Red Footed Boobie“ und wir taufen ihn „Pupsi“. Ab dem zweiten Tag fährt er mit uns und wohnt am Backbordbug. Er hat rote Füße mit Schwimmhäuten und einen blauen Schnabel mit rosa Rand. Sein gepflegtes Federkleid ist weiß und grau und er dürfte eine Spannweite von eineinhalb Metern haben. Sein Hals und sein Gesicht erinnern an eine lustige Bauchredner-Handpuppe und er sieht richtig drollig aus. „Pupsi“, Nomen est Omen. Die Tölpel werben um Weibchen mit der Menge ihrer Exkremente als Beweis für ihr Jagdgeschick. Es funktioniert. Kerstin ist gleich mächtig beeindruckt von der schieren Menge seiner Häufchen. Nachdem wir sonst allein hier draußen sind, darf er trotzdem bleiben. Manche Segler verjagen die Viecher beim Landen mit einer Gashupe, worauf sie beim ohrenbetäubenden „hoooonk“ vor Schreck fast vom Himmel fallen. Das wollen wir unserem Boobie nicht antun. Der Vogel bringt uns jeden Tag zum Lachen mit seinen Aktionen. Ob als geschickter Sturzflug-Fischjäger oder mit seinem stundenlangen Federkleid-Pflegeprogramm sowie seinen Flügel-Streck-Yoga-Übungen. Manchmal muss er einen Schwall Seewasser an seinem Platz wegstecken. Das bringt ihn aber nicht aus der Ruhe und er bleibt trotzdem sitzen. Nur bei Segelmanövern und wenn man sich auf 2 Meter nähert, wird er nervös und segelt einige Runden elegant um das Schiff bevor er wieder im Sturzflug auf dem stampfenden Bug landet. Das dürfte selbst für so gute Flugpiloten wie die Tölpel ein schwieriges Manöver sein. Nach einigen Tagen besuchen uns nämlich noch zwei größere Tölpel, die dieses Manöver am fahrenden Schiff nicht sauber hinbekommen. Sie versuchen unseren Pupsi immer wieder von seinem Plätzchen zu vertreiben. Wir glauben, es ist die Verwandtschaft, die verhindern will, dass unser putziger Boobie von zuhause reißaus nimmt. Nach einem Tag Katz- und Mausspiel der Tölpel gewinnen die beiden größeren Vögel und unser Pupsi tritt die Heimreise an. 

Der Pazifik begrüßt uns mit Kaiserwetter, eineinhalb Knoten Strömung mit uns und ein wenig seitlichem Wind, der sich je südlicher wir kommen bis 20 Knoten steigert. Um den Flauten zu entgehen, fahren wir erst auf Kurs Südsüdwest und biegen nach 5 Tagen rechts ab. Auf das Abbiegen freuen wir uns schon, denn dann fällt der Wind achterlicher, also mehr von hinten, ein und die Schiffsbewegungen werden angenehmer. Nächtlich gibt es immer wieder heftige Regenschauer und Winddreher, was uns einige Anstrengungen bereitet. Diese lokalen Tiefs sorgen zeitweise für eine geschlossene Wolkendecke und auch dafür, dass uns das Segeln nicht langweilig wird. Einreffen, ausreffen, Kurs ändern, Segel trimmen und nach einer Stunde das Ganze von vorn.

Um Haaresbreite verfehlen wir ein holzfloßartiges Teil im Wasser. Nicht auszudenken welche Schäden durch eine Kollision entstehen würden. Beklemmend wird uns zumute, wenn wir uns über die Herkunft und den Zweck des Floßes Gedanken machen und was sonst noch so alles im Wasser treiben mag. Einen Tag später sehen wir ein großes rotes Paket auf dem Wasser treiben und wir hoffen, dass es dabei bleibt und nicht noch mehr vor unserem Bug vorbei treibt. Auf der Route sehen wir die ganze Strecke nur drei Schiffe mit freiem Auge. Am AIS sehen wir einige Segelschiffe, einen japanischen Fischer, einen Tanker und einen Frachter. Ansonsten ist man hier wirklich mutterseelenallein. Mit dem Satellitentelefon verständigen wir uns mit unseren Lieben zuhause und unseren Freunden von anderen Segelschiffen.

Fliegende Fische finden wir täglich auf dem Boot. Einer wurde sogar versehentlich bei einem stockfinsteren nächtlichen Reffmanöver in die Genua eingerollt und hinterlässt seinen fossilartigen Abdruck auf unserem Vorsegel. Am Speiseplan stehen die fliegenden Fische bei uns nicht. Highlights sind Sushi vom selbst gefangenen Thunfisch oder Pizza Willibaldo. Wir bekommen sie nicht so hin wie Willi, aber sie ist trotzdem gut. Danke Willi für das Rezept. Unterwegs gönnen wir uns die letzten mitgebrachten kubanischen Zigarren – stilecht mit dem Mund-Ende in Honig getaucht, wie das viele Kubaner machen. 

Wir würden gerne allen recht geben, die sagen: „Es ist ein Schönwetter-Törn mit Wind von hinten.“ Die Passage ist wirklich ganz okay, aber so ganz stimmt das für uns nicht. Bei uns kommt der scheinbare Wind ein Sechstel der Zeit von vorne, ein Sechstel der Zeit von der Seite und zwei Drittel der Zeit von hinten. Dazu kommen in Äquatornähe öfters Flauten und hin und wieder auch geschlossene Wolkendecke, sintflutartige Regenfälle und 11 Stunden komplette Dunkelheit bei Bewölkung oder Neumond sowie alle zwei Nächte lokale Tiefdrucksysteme, die den Wind innerhalb von Stunden zwischen 3 und 23 Knoten verrückt spielen lassen. Wenn man mit dieser Erwartungshaltung an die Passage geht, ist man auf der realistischen Seite. In Summe also ganz annehmbare Bedingungen für so eine lange Strecke. Auf jeden Fall wesentlich besser als unsere längeren Törns durchs Mittelmeer oder die Strecken von Beaufort in USA auf die Bahamas oder von Kuba nach Panama. Bei wenig Sonne und Schwerstarbeit unseres Autopiloten Fredl laden wir unsere Batterien mit dem kleinen benzinbetriebenen Handgenerator, der einfach mittels Stecker den Landstrom simuliert. Er lädt effizienter als die Dieselmotoren des Schiffs. Der Benzingenerator hat einen weiteren Vorteil. Beim herrlichen Duft der Benzinabgase fühlt sich Martin fast wie auf einem Motorrad.

Bei einer der täglichen Routinekontrollen entdecken wir, dass der Bugbeschlag am Gennakerspriet nur mehr an einer von zwei Schrauben hängt. Die Mutter der zweiten Schraube dürfte gebrochen und in den Tiefen des Pazifiks verschwunden sein. Die Mutter wird ersetzt und der Beschlag ist wieder wie neu.

„Maartiiiin!“ schallt es schrill vom Deck. Beim Heraushasten aus dem Bett läuft bei Martin im Gedanken bereits die Todo-Liste für eine Containerkollision mit Wassereinbruch ab. Als er an Deck kommt entspannt er sich etwas. Es ist „nur“ der Gennaker, der nach einem lauten Knall lautlos unter dem Boot im Meer verschwindet. Der Edelstahl-Schäkel des Gennakerfalls ist gebrochen und das Fall hängt oben im Mast, das Segeltuch unter dem Boot. Dabei handelt es sich nicht um das Teil, bei dem wir die Mutter ersetzt hatten, sondern um das Gegenstück oben am Mast. Alles halb so schlimm. Zu zweit zerren wir 123 Quadratmeter Segeltuch aus dem Pazifik unter dem Schiff hervor. Martin wird an der Dirk in den Mast gehievt um das Gennakerfall herunterzuholen. Der Mast hinterlässt ein paar blaue Flecken an Martin bei der Schaukelei in der Pazifikdünung. Neuer Schäkel an das Fall, alles klarieren, Gennaker wieder rauf. Auf Vorwindkurs mit Dreiviertel Gas der beiden Motoren können wir den scheinbaren Wind am Schiff so reduzieren, dass das ausgerollte Segel beim Hissen handhabbar wird. Nach eineinhalb Stunden schweißtreibender Arbeit ist alles so als wäre nichts gewesen. Glück im Unglück, dass der Bruch bei Tageslicht und nur bei 15 Knoten Wind passiert ist. Den gebrochenen Stahlschäkel haben wir vorgestern gerade kontrolliert. Der Ermüdungsbruch ist im Vorfeld unmöglich feststellbar. Es ist immer wieder unglaublich, an welch dünnen Stahlsplinten so viele Tonnen Gewicht hängen, wenn das Segel durch den Wind gefüllt ist. Der Schäkel wurde vom Hersteller mit dem Segel mitgeliefert. Wahrscheinlich wurde nicht der beste Stahl dafür verwendet. Wir merken uns, dass die Stahlschäkel nach 2 Jahren intensiver Nutzung besser präventiv getauscht werden sollten. Immerhin haben wir insgesamt 15.000 Seemeilen in den beiden Jahren geloggt und der Gennaker hat einige Tausend Meilen davon bestritten.

Nur eine Nacht später reißt dann der Gennaker über eine ganze Hälfte horizontal. Der Wind ist mit Böen bis zu 20 Knoten nicht zu stark für die Besegelung. Vermutlich eine unglückliche Schockbelastung und wahrscheinlich hat ihm das Bad im Pazifik nicht gut bekommen, nachdem das Segel über den Bugspriet hängend eine kurze Zeit lang durchs Wasser gezogen wurde.  Am nächsten Tag geht Kerstin mit Nadel und Teflonfaden ans Werk. Sie näht die Enden des Risses und wir kleben den Riss mit Segeltape beidseitig. Vier Stunden später trägt uns der Gennaker schon wieder flott übers Wasser.

Bei der täglichen Rigg-Routine entdeckt Martin einen Riss in einem Teil der unteren Vorstag-Befestigung. Der Stahltoggle, der das Augterminal des Vorstags hält, ist zur Hälfte eingerissen. Wenn die zweite Seite des Toggles reißt, fällt der Mast um. Das ist jetzt wirklich ein gröberes Problem. Wir segeln nur mehr mit Gennaker und Wind von hinten, um die Belastung des Vorstags zu minimieren. Zusätzlich nehmen wir die Genua herunter und sichern den Mast mit dem Genuafall nach vorne. Das Antitorsionskabel des gesetzten Gennakers wird ebenfalls durchgesetzt und sollte zusätzliche Stabilität gewährleisten. Die Folgen des Schadens drücken die Stimmung an Bord. Ein Weitersegeln nach den Marquesas ist mit diesem Schaden unmöglich. Leider erfahren wir per Mail über Satellitentelefon, dass es auf den Marquesas keinen Rigger gibt. Auch Ersatzteilbestellungen sollen hier mit einigen Wochen Lieferzeit behaftet sein, falls das Teil aus Europa geliefert werden muss. Ganz zu schweigen vom Preis.  Wir haben zwar ein Ersatzteil für den Toggle, aber es ist um einige Zentimeter kürzer als das Original und passt nicht. Martin informiert sich per Mail über das Prozedere zum Auswechseln des Toggles. Es müssen die Oberwanten gelockert werden, damit sich der Mast nach vorne bewegt und das Vorstag spannungsfrei wird. Wir aktivieren von unterwegs sämtliche bekannten Boote in der Nähe sowie die Nautikhändler in Französisch Polynesien. Hoffentlich hat irgendjemand das Ersatzteil vor Ort, sonst dürfen wir uns auf einen längeren Aufenthalt in Nuku Hiva gefasst machen. Wir reparieren uns um die Welt…

Wenn man so lange am Wasser war, meint man Land zu riechen, bevor man es sieht. Die Nase nimmt jede Abwechslung nach so langer Zeit dankbar auf und sofort drängt sich das Gefühl des Ankommens ins Bewusstsein. Nachdem der Wind diesmal nicht vom Land kommt ist der Landgeruch zwar unwahrscheinlich, aber trotzdem steigt ein Duft verbrannten Holzes und ein Geruch von siedendem Öl in die Nase. Martin kontrolliert das Hydrauliköl des Autopiloten Fredl und den Herd. Nachdem sich dort nichts Riechbares findet, muss es der letzte Missionar sein, der gerade auf den Marquesas in Öl gebacken wird. Dort hatte man eine lange Tradition von Kannibalismus. 

„Land in Sicht!“ Endlich zeigt sich die Silhouette der ersten Marquesas Insel am Horizont. Eine Wohltat fürs Auge nach 3 Wochen Wasserwüste. Im September 2021 mussten wir bei der Anfrage, ob wir nach Französisch Polynesien kommen dürfen, ein Ankunftsdatum angeben. Martin hat nach einer groben Schätzung den 18. März 2022 angegeben. Wir haben damals nicht angenommen, dass wir den Tag auch nur annähernd einhalten werden. Alleine die Pazifik-Passage auf den Tag zu planen ist wegen Wind und Wetter fast ein Ding der Unmöglichkeit. Aber siehe da, heute ist der 18. März und wir kommen punktgenau an. Nach viereinhalb Monaten segeln und 7.000 Seemeilen ist das ein mittleres Wunder. Vielleicht auch gute Planung? Möglicherweise beides. 

Seitdem wir in Deltaville in USA im November 2021 weggefahren sind, haben uns USA, Bahamas, Kuba, Panama und die Galapagos Inseln unvergessliche Erinnerungen beschert und nun sind wir dankbar, im Segler-Mekka Französisch Polynesien ankommen zu dürfen. Angeblich kommt vor der Südsee und nach der Südsee nichts Besseres. Wir werden berichten.

Statistik Pazifikpassage Galapagos – Marquesas: 

  • Distanz: 3.130 Seemeilen oder 5.790 Kilometer
  • Dauer: 21 Tage und 21 Stunden
  • Durchschnittsgeschwindigkeit: 6 Knoten oder 11 Kilometer pro Stunde

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