Der Süden Kubas

Von Maria La Gorda aus segeln wir zur Isla de la Juventud. Ausnahmsweise kommt uns der Wind nicht entgegen und wir segeln entspannt. Der Mond scheint hell in den Nachtfahrten, die hier an der Tagesordnung stehen. Kuba ist verhältnismäßig groß. Die Landmasse Kubas entspricht jener aller anderen Karibikinseln zusammen. In der Ensenada Puerto Frances treffen wir uns mit der Crew der Tula und genießen die Abgeschiedenheit. Es gibt kein Mobilfunknetz, damit auch keine Covid-Nachrichten oder sonstigen Skandale, die an uns heranreichen können. Da dieses Mal nichts kaputtgegangen ist, sind wir auch gleich im Urlaubsmodus.


Tauchen auf der Isla de Juventud

Beim Tauchen bringen Franziskus und Martin eine Großkopfmakrele mit, die wir am Strand grillen. Dort sammeln wir Holz und fachen zwei Feuerstellen an, eine für eine Paella und eine für den Fisch. Wir können endlich mal unser gesamtes Camping-Equipment aus den Tiefen des Bootes holen und haben damit für alle eine Sitzgelegenheit und einen Tisch. Mit der Dämmerung bekommen wir Besuch von tausenden „No-see-ums“, winzigen Bartmücken, die aus uns allen Schweizer Käse machen. Vor lauter Kratzen wird es bald ungemütlich. Weder Repellent noch Lagerfeuer helfen, auch halten die Viecher nichts davon, in der Dunkelheit wieder wegzufliegen. Wir geben schließlich nach, sodass wir den Rest des Abends auf Infinity verbringen. Leider sind uns einige sehr anhängliche Exemplare zum Boot gefolgt. Damit steht nun zwei Tage Insektenspray auf dem Programm. 

Auch wenn dies ein schönes Plätzchen ist, müssen wir weiter. Der Wind dreht, eine berüchtigte Kaltfront mit Regen ist im Anmarsch und macht aus unserem Ankerplatz eine Leeküste. Da wir gen Osten segeln, ist ein Wind aus westlichen Richtungen eine seltene Gelegenheit Meilen zu machen. Der Wetterbericht ist wieder mal auf dem Holzweg, sodass wir wegen der dunklen aufziehenden Wolken im Westen rascher den Ankerplatz verlassen müssen als uns lieb ist. Nichts wie weg. Das Segeln geht mit dem Tief recht flott. Allerdings kommt eine Böenwalze mit Starkregen nach der anderen mit Windböen von 34 Knoten daher. Die Sicht ist naturgemäß bescheiden, sodass wir das Radar im Dauerbetrieb haben. 

In der Nacht kommen wir vor Cayo Largo del Sur an und halten uns an den Rat, nicht im Dunkeln in die Einfahrt zu fahren. Stattdessen liegen wir bei. Diesmal setzen wir das Groß mit dem zweiten Reff, geben den Traveller ganz nach Lee und siehe da: wir treiben seitwärts. Das scheint das geeignete Rezept für unser Boot zu sein. Beim ersten Tageslicht fahren wir in die Marina Marlin ein. Eine moderne Marina mit Schwimmstegen aber leer wie scheinbar alle Marinas hier. Über unsere Zeitüberschreitung an den Ankerplätzen verlieren die Offiziellen kein Wort und im Nu sind wir im netten Örtchen unterwegs. Vielerorts nutzt man die touristische Flaute für Renovierungsarbeiten. Der in unserem Segelführer als lebhaft beschriebene Ort mit vielen Touristen zeigt sich verwaist. Wir finden tatsächlich ein einziges offenes Cafe für Einheimische. Der Kaffee ist gut und kostet 2 Eurocent, die Milch ist aus. Wir essen hier Wurst- und Buttersemmel wie alle Einheimischen. Für zwei Frühstücke kann man nicht mehr als 50 Euro-Cent ausgeben. Dafür gibt es großzügiges Trinkgeld. Im einzigen geöffneten Restaurant müsste man mit Kreditkarte in Dollar oder Euro zahlen und damit würde das Preis-Leistungsverhältnis ganz deutlich geschmälert. Wir beschließen also, die Nacht lieber am Ankerplatz vor Playa Sirena zu verbringen. Angeblich einer der schönsten Strände Kubas. Als wir an den Strand schwimmen und an Land gehen sinken wir knöcheltief in den feinen weichen weißen Sand ein. Die Sonnenschirme und Strandbuden warten auf Touristen. Wir sind die einzigen an diesem Traumstrand. 

Wieder bestimmt der Wind unsere Weiterreise, sodass wir beschließen, ohne weiteren Zwischenstopp nach Cienfuegos zu segeln. Der Wind ist bis 30 Seemeilen vor unserer nächsten Destination gut segelbar. Die letzten Meilen gehen allerdings genau gegen den Wind und die Böen drücken unseren Bug immer wieder weiter weg vom Ziel. Nach einigem Kreuzen beschließen wir die Motoren zu nutzen, da wir vor dem Weihnachtsabend in Cienfuegos sein wollen. Neidisch blicken wir auf Tula, die als Einrumpfer um mindestens 20 Grad mehr Höhe zum Wind segeln kann. 

Die Einfahrt nach Cienfuegos ist gut betonnt und beleuchtet, sodass wir am 23. Dezember im Dunkeln vor der Marina ankommen. Wir möchten anlegen, allerdings meldet sich niemand über Funk, der uns einen Liegeplatz zuweist. Also ankern wir vor der Marina. Kurz darauf erscheint ein Boot der Marina und informiert uns, dass das Funkgerät der Marina leider kaputt ist und wir gerne beim ersten Tageslicht anlegen können. Auch hier sind die Angestellten wieder sehr freundlich und hilfsbereit. Die Dockmasterin spricht perfekt englisch und hilft uns bei der Organisation von Propangasfüllung, Wäscherei und Lebensmittelbesorgungen. Man glaubt es kaum aber die unendliche Reise unserer leeren Propangasflaschen nimmt hier ein Ende. Im Improvisieren sind die Kubaner perfekt. Man borgt sich von uns Gabelschlüssel und Schraubenzieher aus und am gleichen Tag stehen die Flaschen gefüllt vor dem Boot. Was in USA und den Bahamas nicht möglich war, wird hier möglich gemacht. Unsere von Hand gewaschene Wäsche ist in Kuba so sauber wie in keinem anderen Land zuvor.

Lebensmittel sind leider hier nicht einfach im Supermarkt einzukaufen. In vielen Supermärkten stehen außer Wasserflaschen und Spirituosen keine anderen Artikel im Regal. Toilettenpapier gibt es vereinzelt in Apotheken. Man ist gut beraten, zu Restaurantbesuchen das eigene Papier und Hygieneartikel mitzunehmen, denn Wasserspülung, Fließwasser, Seife und Klopapier sind dort kaum anzutreffen. Am Bauernmarkt findet man beinahe ausschließlich Tomaten, Bananen, Zwiebel und Knoblauch. Vor den Geschäften und Ständen bilden sich lange Schlangen. Kaum zu glauben, dass in diesem klimatisch für die Landwirtschaft gut bedienten Land die Versorgungskette von den Bauern an die Endkunden derartig stockt. Es gibt maximal 2 Brote pro Person zu kaufen. Man kauft das, was gerade verfügbar ist. Käse, Milch, Kaffee, Joghurt und Fleisch sind Mangelware und für viele Bewohner ein kaum leistbares Luxusgut. Eier erhalten wir am „Schwarzmarkt“, da die Eier in den Geschäften für Kubaner mit Bezugskarten reserviert sind. Die Kubaner erhalten mit ihrer Bezugskarte pro Person bestimmte Güter pro Monat. Für Touristen gibt es eigene Shops, in denen nur mit Kreditkarte zu hohen Preisen eingekauft werden kann. Diese sind aber meist auch nicht besser bestückt. Für einen Einkauf einer Handvoll unterschiedlicher Lebensmittel benötigt man mehrere Stunden. Die Leute tun uns leid und wir verteilen fleißig die mitgebrachten Geschenke aus den Bahamas und den USA. Unglaublich, welche Freude man hier Menschen mit Spaghetti, Süßigkeiten oder Seife machen kann. 

Cienfuegos ist als einzige französisch geprägte Stadt auf Kuba ein Weltkulturerbe. Wunderschöne Gebäude, Straßenzüge und Plätze erfreuen das Auge. Am Vergnügungspark aus den 1950ern toben sich Kinder mit Schaukeln und Rutschen aus. Am 24. Dezember besuchen wir nach unserer Familien-Videokonferenz, bei der wir wieder Weihnachten über den Bildschirm mit unserer Familie feiern dürfen, einige Bars mit ausgezeichneten Mojitos und Caipirinhas sowie netten offenen und kommunikationsfreudigen Menschen. Anders als zuhause spielt sich Weihnachten hier nicht im Kreis der Familie ab sondern mit Livemusik auf Plätzen. Ausgezeichnete Musiker bedienen alle Genres. Mit der Tula-Crew besuchen wir ein Rockkonzert und es wird eine lange fröhliche Nacht. 

Beim Ausflug ins Landesinnere besuchen wir Trinidad. Trinidad ist aufgrund seines spanisch-kolonialen Baustils weltberühmt. Außer gut erhaltener Gebäude und original gepflasterten Straßen aus den vorigen Jahrhunderten gibt es hier viele Restaurants und Souvenirläden. Der Gegensatz zwischen den verhältnismäßig wohlhabenden Touristen und Einheimischen wird noch sichtbarer. Als Tourist darf man in Kuba nur mit offiziellen Taxis oder Agenturen zwischen den Bezirken reisen. Die Taxis gehören dem Staat. Demnach bekommen die Fahrer ihr Gehalt vom Staat. Diese Autos sind wesentlich neuer und in besserem Zustand als die Autos der Einheimischen. Auf den Straßen gibt es kaum Autoverkehr. Wesentlich öfter findet man Pferdegespanne, Reiter, Fahrradfahrer und Fußgeher. In den Bergen sind die Straßen in schlechtem Zustand. Tiere und Menschen haben wir vielerorts schon besser ernährt gesehen. Die landwirtschaftlichen Nutzgeräte, sofern vorhanden, haben augenscheinlich viele Jahrzehnte auf dem Buckel. Trotz der Vielzahl an Kühen, Schweinen, Feldern, Mangobäumen und trocknendem Kaffee am Straßenrand kommt anscheinend vieles nicht am Markt an. 

Über den sanften bewaldeten Hügeln und Bergen kreisen elegant riesige Geier. Als nächstes besuchen wir Santa Clara, wo der Durchbruch des Kampfes der kubanischen Revolution gegen das damalige Regime stattfand. In Santa Clara wurde das Mausoleum, Museum und Denkmal für Che Guevara errichtet. Die Stadt selbst ist nicht touristisch und deshalb umso interessanter für uns. Es gibt wie überall Konzerte auf den Plätzen von Blasmusik bis Rumba. Zwischen den eleganten alten Gebäuden findet man kommunistische Betonbauten. Zahlreiche Sitzbänke zieren die Plätze, Parks und Straßen. Es sind so viele, dass man glauben mag, es sei für jeden Einwohner ein Sitzplatz eingeplant.

Bier vom Fass kann man sich in Bars in Wasserflaschen abfüllen lassen, was wesentlich günstiger ist als Dosenbier aus dem Geschäft. Allerdings ist Fassbier nicht immer verfügbar. Die Bars haben geöffnet, so lange sie etwas anbieten können. In der Stadt wird man mit Fahrradtaxis oder Moped-Taxis günstig von A nach B gebracht. Zum Teil handelt es sich um abenteuerliche Konstruktionen von verrosteten zusammengeschweißten Gartenstühlen und Baustahl. Häufig warten diese Taxis trotzdem mit Lautsprecher und Musik auf. 

Wir würden gerne noch mehr Zeit in diesem sympathischen schönen Land verbringen, allerdings ruft uns der Pazifik schon hörbar laut. Wir möchten früh in der Saison durch den Panamakanal. Daher entschließen wir uns, Silvester diesmal während unserer 780 Seemeilen langen und 5 Tage dauernden Passage von Kuba nach Panama zu feiern und wünschen euch jetzt schon ein gesundes, restriktionsfreies und glückliches neues Jahr. 

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