COVID-Odyssee und Bootsarbeiten

Nach 14 schönen Tagen in Bulgarien heißt es sich nun Losreißen vom bequemen Ultra-all-inclusive-Dasein. Die 14 Tage außerhalb Schengen waren erforderlich wegen der Einreisebestimmungen in die USA, die ab 8. November gelockert werden. Das ist uns aber zu spät. Wir haben noch 2 Wochen Arbeit auf Infinity und die Hurrikansaison geht im November nahtlos über in die Herbststurm-Saison. Von Burgas aus geht es mit dem Flieger über Sofia, Bukarest, Doha, Boston zurück nach Richmond und schließlich mit dem Auto nach Deltaville wo Infinity auf uns wartet.

Wer denkt, so eine Reise kann ja nicht so kompliziert sein, der irrt. Eine komplett durchgängige Reisebuchung von Burgas weg kostet fünfmal so viel wie eine Reise ab Sofia. So stückeln wir unsere Reise selbst zusammen. Wer unsere Flugroute angeschaut hat, wird sich fragen, wieso wir erst in die Gegenrichtung fliegen, um dann mit einem Schlenker gen Süden wieder zurückzufliegen. Ganz einfach: Der Zwischenstopp des Fluges ab Bulgarien darf aufgrund der COVID-Bestimmungen nicht in Schengen liegen. So geht es morgens um 6 Uhr zum Flughafen Burgas, um in einem einstündigen Flug nach Sofia zu kommen. Satte 11 Stunden später sitzen wir im Flieger Richtung Doha. Qatar Airlines hat unser Gepäck bis Boston durchgecheckt, daher brauchen wir uns ab jetzt nicht mehr darum kümmern. Zunächst geht es aber nach Bukarest, dort werden weitere Passagiere aufgenommen und die Crew ausgetauscht. Das hat leider ein bisschen länger gedauert. Vier Passagiere, deren Gepäck bereits eingecheckt war, sind nicht zum Flieger gekommen, somit muss deren Gepäck wieder raus. Der Kapitän entschuldigt sich und wir starten mit nur wenig Verspätung gen Süden. Nach 18 Stunden Reisezeit landen wir in Doha.

Dort können wir das Flughafengebäude nicht verlassen. Das ist im Transitbereich auch bei längeren Aufenthalten nicht vorgesehen und daher weiß auch niemand, wo der Ausgang ist. Im Transitbereich gibt es ein Hotel und Schlafkojen. Es ist eine Menge los, Schlafplätze ohne Reservierung sind nicht zu kriegen und außerdem fast so teuer wie unsere gesamte Bulgarienreise. So legen wir uns in einen Leseraum auf Sessel, dort ist es wenigstens nicht laut. Martin schläft eine Runde, während Kerstin den Flughafen erkundet. Irgendwann schallt ein Muezzin durch die Hallen. In den Geschäften glitzert und glänzt es. Öffnungszeiten rund um die Uhr. Man kann im Duty-free-Shop sogar Lamborghinis kaufen. Wie praktisch! Endlich können wir zum Gate gehen. Dort werden die Einreiseformalitäten für die USA überprüft. Man erklärt uns, dass wir nicht mitfliegen dürfen, da wir kein Rückflugticket haben. Eine Ausreise aus USA per Boot ist nicht vorgesehen. Nachdem alle eingecheckt worden sind, stößt ein Mitarbeiter der US-Botschaft zu uns, der in Qatar Amerika vertritt. Dieser erklärt uns nach einiger Überzeugungsarbeit für berechtigt, sein Land per Flugzeug zu befliegen. Puh!

Nach 25 Stunden Reisedauer haben wir es in die Boardingzone geschafft. Jetzt liegen noch 13 Flugstunden nach Boston vor uns. Wir fliegen über Prîstina, nicht weit von Burgas entfernt, und sind dabei mittlerweile 31 Stunden unterwegs. Kurz darauf überfliegen wir den Schengenraum. Wie gut, dass man wenigstens drüber fliegen darf. Irgendwann überfliegen wir auch La Rochelle, wo unsere Infinity gebaut worden ist. Dann steuern wir praktisch direkt nach Westen. Dadurch wird es während des ganzen Fluges nicht dunkel. Nach 38 Stunden erreichen wir die amerikanische Küste, 2 Stunden später landen wir in Boston. Hier gibt es gleich die nächste Überraschung. Wir werden separiert und zur Customs and Border Police ins Büro begleitet, sie finden im Computer Kerstins ESTA nicht. Wir hätten es ihnen auf unseren Handys zeigen können, das gilt aber nicht. Daher heißt es noch einmal warten. Die Ausreise mit dem eigenen Boot ist ihnen zwar auch suspekt, wird aber akzeptiert. Die Beamten finden schlussendlich auch unser ESTA und lassen uns ziehen.

Bei neuerlichem Aufenthalt von 7 Stunden erkunden wir Boston. Man kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Zentrum mit einer schönen Fußgängerzone. Alles ist gepflegt, die historischen Gebäude sind zwar mindestens 1.000 Jahre jünger als die in Bulgarien aber trotzdem sehenswert. Im zweiten Handy-Shop bekommen wir rasch und unkompliziert eine neue Sim-Karte. Erleichterung kommt auf. Die Menschen hier sind freundlich und zuvorkommend, eine Wohltat nach den etwas verbissenen Gesichtern in Bulgarien. Der Flug nach Richmond steht bevor. Martin versucht schon mal im Vorfeld ein Uber-Taxi nach Deltaville zu bekommen, das geht aber von Boston aus nicht. Der eine Fahrer meldet sich nicht, ein zweiter hat kein Auto (?), ein dritter 77-jähriger fährt nicht mehr in der Nacht. Wir machen uns auf eine Nacht im Motel gefasst. Das ist jetzt auch schon egal. Nach 46 Stunden landen wir in Richmond und wie durch ein Wunder gibt es einen Uber-Fahrer. Er ist aus Frankfurt. Nach 51 Stunden Odyssee sind wir wieder zuhause auf Infinity und legen uns sofort ins Bett. Tut das gut!

Mit der Rückkehr fängt wieder die Arbeit an, wie das halt so ist, wenn man nach 4 Monaten wieder nachhause kommt. Glücklicherweise gibt es keine bösen Überraschungen. Sobald wie möglich bereiten wir die Antifouling-Arbeiten vor. Infinity erhält drei bis vier neue Antifouling-Anstriche und etwas Primer an manchen Stellen. Leider ist der Shaker in der Marina ausgefallen. Da sich das Kupfer in der Farbe stark absetzt, muss mit der Bohrmaschine gemischt werden. Bohrmaschine und passendes 110 V Werkzeug borgen einander hier die Yachties. Da die Farbdosen übervoll sind, entweicht bei den ersten Drehungen der obenauf schwimmende Verdünner. Also kommt neuer Verdünner rein und die Mischerei beginnt von vorne. Man benötigt doppelt so viel Anstrich wie auf der Packung angegeben. Nach dem Streichen melden sich die Muskeln und wir fühlen uns wie zwei 80-jährige nach der Besteigung des Mount-Everest. Da merkt man, dass wir mit unserer Fitness in Europa etwas geschludert haben, was sich aber hier ohne Fitness-Studio rasch wieder ändert.

In der Nacht ist es hier bereits frisch und so werfen wir unseren elektrischen Heizlüfter an. Da es hier an Land nur normale Haushaltssteckdosen für die Schiffe gibt, schmort durch die Heizbelastung gleich mal unser Stromadapter durch. Dabei fällt kein Schutzschalter und keine Sicherung so dass man beim Ausstecken auch noch mit 110 V gekitzelt wird. Der Landstrom scheint hier etwas hemdsärmelig verlegt zu sein. Also starten wir unsere eingebaute Dieselheizung, die nach eineinhalb Jahren Pause problemlos losfeuert. Ein kleines Wunder. Grund genug, einmal nachzusehen ob da nicht doch etwas kaputt ist weil sie gleich so gut funktioniert.

Europäische Propan-Gasflaschen aufgefüllt zu bekommen ist hier nicht leicht. Martin fragt im Marina-Büro, wo man freundlich auf die Tankstelle verweist. Vorsichtiger Weise wird dort angerufen und ausdrücklich nach „refill“ gefragt. „Kein Problem, wir sind 24 Stunden, 7 Tage in der Woche zu Diensten“, tönt es aus dem Mobiltelefon. Nichts wie hin mit dem Lasten-Dreirad der Marina. Nach 3 Kilometern mit einem nicht verstellbaren Sitz und 2 leeren Gas-Stahlflaschen am Gepäckträger heißt es in der Tankstelle nun: „Sorry, wir meinten wir können die Gasflaschen austauschen aber nicht auffüllen“. Die Fitness bedankt sich mit 3 km zurückradeln. Diesmal sogar mit Rückenwind!

Es wird genäht, repariert und die aus Europa mitgebrachten Ersatzteile montiert. In die Motoren werden die Impeller wieder eingesetzt und die Keilriemen wieder gespannt. Die Segel kommen rauf und es wird geputzt bis die Schwarte kracht. Sämtliche Checklisten werden durchgegangen, die Satellitenkommunikation samt Wetterrouting wieder aktiviert. Unter „Aktueller Standort“ kann man uns nun wieder mittels „PredictWind“ elektronisch verfolgen und gleichzeitig die Wetterbedingungen mitbetrachten. Um für die Bahamas und Kuba gerüstet zu sein, haben wir noch einen Großeinkauf gestartet. Das Beiboot „Mitzi“ bekommt einen neuen Schutz für den Kiel und wir lernen neue Freunde aus der Schweiz, Russland, Virginia und Deutschland kennen, die fast alle wie wir auch nach Kuba wollen. Wir treffen unseren Bootsnachbarn Johan aus Schweden wieder, der seine Fountaine Pajot perfekt in Stand setzt und herausputzt damit er sie nach sieben Jahren Blauwasserleben in Florida verkaufen kann. Der Katamaranmarkt ist in den USA sehr eng. Es gibt an der ganzen US-Ostküste angeblich nur 26 Gebraucht-Katamarane, von denen die Hälfte bereits verkauft ist. Die Chancen für einen guten Verkauf stehen also hier exzellent.

Vor Cape Hatteras haben viele Segler großen Respekt. Um das Kap treten oft ruppige Bedingungen auf und es gibt einen wahren Schiffsfriedhof vor der Küste. Dementsprechend wichtig ist es, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. Infinity wird am 1. November wieder ins Wasser gehievt. Danach gibt es nochmals einen abschließenden Check und dann wollen wir so bald wie möglich los. Je nach Wetter gibt es noch einen Zwischenstopp in Beaufort (North Carolina) oder es geht in ungefähr sieben Tagen und Nächten direkt von Deltaville aus auf die Bahamas. Wir freuen uns schon auf die dort vorherrschenden 25 Grad, denn auch hier in den Südstaaten wird es langsam kalt.

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