Charlotteville im Nordosten Tobagos ist ein beschauliches Fischerdorf, in dem die Uhren offenbar etwas langsamer gehen. Wir erreichen die Bucht in der Dämmerung und machen an einer Boje fest. Einige andere Segelyachten liegen bereits vor Anker. Die Hurrikansaison geht ihrem Ende entgegen, und hier lässt es sich offenbar gut auf bessere Zeiten warten. Gleich neben dem Bojenfeld entdecken wir einen Schnorchelplatz mit intakten Korallen und einen wunderschönen, meist menschenleeren Strand. Regelmäßig treffen sich dort die Segler zum gemeinsamen Barbecue. Besonders angenehm ist, dass uns weder Mücken noch Fliegen das Leben schwer machen. Dafür beginnt bei Sonnenuntergang eine ganz andere Vorstellung: Als hätte jemand heimlich die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet, blinken plötzlich Tausende Glühwürmchen zwischen den Bäumen. Überall schweben winzige Lichtpunkte durch die Dunkelheit, verschwinden und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Ein faszinierendes Naturschauspiel, das der ohnehin friedlichen Bucht einen beinahe märchenhaften Zauber verleiht.
Am nächsten Morgen fahren wir mit dem DingI zum örtlichen Steg und landen mitten im Dorfleben. Eine beachtliche Zahl überwiegend älterer Herren hat sich bereits eingefunden, fast jeder mit einer Bierflasche in der Hand. Die Tageszeit scheint dabei ebenso nebensächlich zu sein wie die Vollständigkeit des Gebisses. Man sitzt zusammen, plaudert und betrachtet das Treiben mit jener karibischen Gelassenheit, die uns Europäern bisweilen völlig fehlt. Leider endet diese Gelassenheit zuverlässig an der Tür der Einwanderungsbehörde. Wieder einmal steht das Einklarieren auf dem Programm, und wieder einmal glauben wir, den bürokratischen Tiefpunkt unserer Weltumsegelung längst erlebt zu haben. Tobago belehrt uns eines Besseren. Die Insel ist gerade einmal 42 Kilometer lang und an ihrer breitesten Stelle etwa zehn Kilometer breit. Dennoch benötigen wir für das Anlaufen einzelner Buchten eine gesonderte Genehmigung. Wollen wir ein paar Buchten weiter südlich, müssen wir zusätzlich ausklarieren und in der Stadt Scarborough im Süden der Insel wieder einklarieren – wohlgemerkt vom gleichen Beamten, der mit dem Auto hin und her fährt. Man benötigt hier vier Crewlisten. Der Toner beim Kopierer ist bald aus. Offenbar gilt hier die Grundregel: Was nicht mindestens zwanzigmal kopiert wurde, hat amtlich nie stattgefunden und die tropische Hitze erledigt den Rest. Wir beschließen, uns weitere nautische Genehmigungen zu ersparen, Tobago stattdessen mit dem Mietwagen zu erkunden und erst zur Weiterreise nach Trinidad wieder bei unseren neuen Beamten-Freunden vorzusprechen.











Abseits der Amtsstuben zeigt sich die Insel erfreulich unkompliziert. Gleich zu Beginn lädt uns ein Einheimischer auf frisch geerntete Avocados ein. Die Bäume hängen voller schwerer Früchte, und wir erfahren, dass unser Gastgeber nebenbei eine außergewöhnliche Aufgabe erfüllt: Er hilft Nachzüglern der frisch geschlüpften Meeresschildkröten auf ihrem Weg ins Leben. An einem der Strände legen die Muttertiere ihre Eier tief im Sand ab. Wochen später graben sich die winzigen Schildkröten aus ihren Nestern und machen sich auf den gefährlichen Weg zum Meer. Nicht alle schaffen es aus eigener Kraft. Besonders die Nachzügler bleiben gelegentlich in den bis zu einem halben Meter tiefen Nestern zurück. Im Rahmen eines staatlich unterstützten Schutzprogramms werden die Nester nach dem Schlüpfen vorsichtig ausgegraben und kontrolliert. Finden sich darin noch lebende Jungtiere, bekommen sie eine zweite Chance. Sie werden auf den Strand gesetzt, von wo aus sie ihren Weg ins Wasser selbst zurücklegen müssen. Diese ersten Meter sind keineswegs überflüssig: Der Weg über den Sand spielt eine wichtige Rolle bei der Prägung auf den Geburtsstrand, zu dem insbesondere die Weibchen viele Jahre später zur Eiablage zurückkehren können. Ein erstaunlicher Kreislauf, bei dem ein winziges Tier seinen ersten Weg zum Meer antritt und möglicherweise Jahrzehnte später genau an diesen Strand zurückfindet.
Unsere Inselrundfahrt führt uns durch grüne, hügelige Landschaften, vorbei an kleinen Ortschaften und einigen hübschen Stränden im Nordwesten. Tobago hat durchaus seinen Reiz, große Sehenswürdigkeiten drängen sich allerdings nicht gerade auf. Für Taucher gibt es interessante Reviere, auch wenn die aufgerufenen Preise mitunter ambitionierter sind als das gebotene Programm. Martin gelingt es schließlich, von Speyside aus Tauchgänge zu einem vernünftigen Tarif zu organisieren. Unter Wasser erwartet ihn eine erfreuliche Überraschung: Die Riffe sind gut und bieten einen faszinierenden Einblick in die karibische Unterwasserwelt. Gemeinsam werden Rotfeuerfische eingesammelt. Sie wurden eingeschleppt, haben keine natürlichen Feinde und schaden der Unterwasserwelt. Nach unserer Rundfahrt sind wir uns einig, dass wir mit Charlotteville bereits den schönsten Platz der Insel gefunden haben.






Schon nach wenigen Tagen werden wir begrüßt, als gehörten wir seit Jahren zum Dorf. Besonders deutlich zeigt sich das in einem kleinen Lokal, das wir regelmäßig besuchen. Kaum haben wir uns hingesetzt, wird uns auch schon ein Kind auf den Schoß gesetzt. Die Mutter muss schließlich kochen, wenn wir etwas essen möchten, und bis dahin übernehmen wir ganz selbstverständlich die Kinderbetreuung. Die Kleinen sind zutraulich, unkompliziert und genießen die zusätzliche Aufmerksamkeit, während wir unvermittelt zum erweiterten Familienkreis gehören. Die Tage vergehen in einem angenehmen Rhythmus zwischen Dorfleben, kleinen Erledigungen und Arbeiten an Bord. Wenn es unter Deck zu heiß wird, genügt ein Sprung ins klare Wasser. Kein kompliziertes Ausflugsprogramm, kein Zeitdruck, kein besonderes Ziel. Manchmal besteht der größte Luxus des Seglerlebens schlicht darin, an einem wunderschönen Ort bleiben zu können, solange es einem gefällt. Abends leuchten wieder die Glühwürmchen zwischen den Bäumen, am Strand sitzen die Segler zusammen, und über der Bucht kehrt jene Ruhe ein, die Charlotteville für uns so besonders macht.
Doch auch die schönsten Ankerplätze sind auf einer Weltumsegelung nur vorübergehende Zuhause. Für Infinity steht der jährliche Schönheits- und Gesundheitscheck an. In Chaguaramas auf Trinidad wird sie aus dem Wasser gehoben, damit wir uns um Unterwasserschiff, Technik und die üblichen Wartungsarbeiten kümmern können. Vorher wartet allerdings noch eine letzte Herausforderung: das Ausklarieren. Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen reservieren wir dafür vorsorglich den gesamten Vormittag. Andere Länder verabschieden ihre Gäste mit einem freundlichen Winken, Tobago bevorzugt Formulare, Kopien und Stempel. Schließlich sind auch diese Hürden überwunden, die Pässe amtlich verschönert und sämtliche Papiere beisammen. Wir verabschieden uns von Charlotteville, setzen die Segel und nehmen Kurs auf Trinidad. Dort wartet jede Menge Arbeit auf uns.

Liebe Frau Dr. Kerstin, bitte wenn möglich in Buchform! Danke Gerhard/Lenzing.
Vielen Dank für die Anregung, wir arbeiten daran. Liebe Grüße.