Indischer Ozean · 28. Juni 2024
Von Tokio bis Kanazawa
In Tokio angekommen, staunen wir nicht schlecht, als wir uns erstmal gegenüber den chinesischen Städten bei der U-Bahninfrastruktur um 40 Jahre zurückversetzt fühlen. Sowohl beim Ticketkauf als auch bei den Bezahlmethoden, den Zügen und der Beschilderung. In China ist alles am letzten Stand, weil neu. Japans U-Bahn hat schon einige Jährchen länger am Buckel. Sehr glücklich sind wir darüber, dass unsere Mobiltelefone wieder ohne Hacks funktionieren und alle Informationen überall abrufbar sind. Was für ein Vorteil! Bei den WCs scheint man der Welt hier um einiges voraus zu sein. Das Bedienpanel für die hochtechnologisierten Kanalaufsätze ist größer als die Fernbedienung der ersten Farbfernseher. Es scheint, die Dinger können alles außer Zähne putzen.
Tokio ist eine Stadt der Superlative. Mit 36 Millionen Einwohner die größte Stadt der Welt. Am weltweit größten Bahnhof werden täglich 3 Millionen Passagiere abgefertigt. Auf der belebtesten Straßenkreuzung wechseln pro Grünphase 4.000 Passanten die Straßenseiten. Auch hat Tokio den größten Fischmarkt der Welt. Essen super. Überall Sushi und hochwertiges Rindfleisch, wofür Japan bekannt ist. Und es gibt superwenig Platz. Alles ist dicht gedrängt und die Lokale und Räume sind oft winzig. In den Bars ist es üblich, dass man erstmal für den Sitzplatz zahlen muss, die Getränke extra, versteht sich.








Umso bewundernswerter ist es, dass alles sehr gesittet abläuft. Kaum Stau auf den Straßen, kein Drängeln der Fußgänger in den überfüllten Fußgängerzonen und Bahnhöfen. Seit Neuseeland sehen wir erstmals wieder, dass niemand bei Rot über die Kreuzung geht oder fährt. Alles scheint reibungslos und vorhersehbar zu funktionieren. Überall ist man überhöflich und zuvorkommend. Alles ist sauber. Wir finden lustig, dass erwachsene Männer beim Frühstück schon mit ihrer Spielkonsole Nintendo spielen. In der U-Bahn wird Vogelgezwitscher und Kuckuck eingespielt, sowie von Zeit zu Zeit ein paar motivierende eishockey-pausenartige Musiktakte.
So interessant diese Stadt auch ist, für unseren Geschmack fehlen Tokio echte Sehenswürdigkeiten. Im Erdbeben 1923 und beim Bombardement im zweiten Weltkrieg sowie beim Straßenbau ist viel Historisches zum Opfer gefallen. Ein kleiner Kaiserpalast und einige Häuser aus dem letzten Jahrhundert zählen zu den ältesten Bauwerken. Dann ist da noch der hohe Fernsehturm Skytree, von dem man bei gutem Wetter eine hervorragende Aussicht auf die Stadt und den Fujiyama genießen kann. Der weithin gut sichtbare kegelförmige Berg hat mit seinen rund 3.700 Metern und seinen symmetrischen Flanken zweifellos etwas Magisches und ist mangels anderer Berge in der Nähe immer ein konkurrenzloser Hingucker.
In fünf Stunden grasen wir die Stadt mit den drei Linien des offenen Doppeldeckerbusses ab. Spazieren durch einige Fußgängerzonen mit ihren typischen Leuchtreklamen, bewundern die Bauwerke. Aber was wäre ein Japanbesuch ohne Karaoke, das hier so beliebt ist. Wir finden ein wenig frequentiertes Lokal, wo auch wir uns trauen und machen eine halbe Nacht lang Lärm. Hoffentlich erholt sich der nette Lokalbesitzer bald.
Von Tokio aus geht es mit der Bahn nach Hakone zum nahegelegenen Lake Ashi. Mit einem sehr preisgünstigen Kombiticket kann man innerhalb 48 Stunden mehrere Züge, Busse, Gondelbahnen und ein Schiff nutzen, genießt bei Schönwetter vier Aussichtspunkte auf den Mount Fuji. Nur die Hotelpreise steigen hier spürbar. Kein Wunder: mit einem Einzugsgebiet von 36 Millionen Menschen, die in ein paar Dörfern Platz finden sollen. Also übernachten wir in einem Winzig-Zimmer, das aus nicht viel mehr als aus einem Bett besteht. Auch mal lustig. Der See ist sehr malerisch. Vegetation und Häuser sehen hier aus wie in Österreich. Lediglich die Alpen unterscheiden sich dann doch deutlich vom Vulkan Fuji. Wir haben wieder einmal Glück mit dem Wetter. Während der Zugfahrt nach Hakone kommen die ersten Wolken auf, wir können aber noch die mit etwas Schnee bedeckte Spitze während der Gondelfahrt und der Schifffahrt sehen. Tags darauf sieht man nur noch Nebelschwaden. Am Abend müssen hier auch schon Jacken her, da es besonders am Abend schon empfindlich kühl wird, ganz wie daheim.
Mit Zug und Bus wollen wir zum Dorf Shirikawago. Es sind standardmäßig immer alle U-Bahn- und Gleis-Zugänge offen. Wenn man kein Ticket einschiebt, gehen blitzschnell Schranken ohne Rücksicht auf Verluste zu. Einmal lösen wir diesen Alarm aus, weil wir nur ein Papier-Zugticket statt zwei Tickets übereinandergelegt gleichzeitig einschieben. Auf die Idee wären wir vorher nicht gekommen. Automatisierung scheint hier generell ein wichtiges Thema zu sein. In einem Lokal finden wir am Eingang ein zigarettenautomatenähnliches Teil, bei dem man die Bestellung für das Lokal auf Knöpfen drücken muss. Der Kellner muss aber ohnehin bei jeder Bestellung zum Automaten kommen, weil sich die Leute nicht auskennen. Man zahlt auch gleich beim Automaten, bevor man ins Lokal geht. Bei Kassen in Lokalen oder Supermärkten wird nicht händisch das Retourgeld gezählt, sondern Geldscheine werden in einen Automaten gesteckt und das Wechselgeld kommt automatisch aus dem Automaten.
Der Shinkansen Schnellzug bringt es auf unserer Strecke auf 270 Kilometer pro Stunde. Und es rüttelt einigermaßen. Da merkt man, dass in China eine neuere Generation von Zügen eingesetzt wird. Dort kann man bei 340 Kilometer pro Stunde eine Münze auf die Seite stellen. Sie fällt lange nicht um.
Die Höflichkeit in Japan ist legendär. Die Schaffnerin verbeugt sich jedes Mal in Richtung Passagiere wenn sie einen Waggon betritt und verlässt. Das sieht nicht aus wie ein hastiger Automatismus. Sie bleibt stehen, verbeugt sich langsam und tief und geht weiter. Der Schaffner im nächsten Zug macht es genauso. Das haben wir auch noch nie gesehen. Was wir aber bisher in jedem Land gesehen haben und in Japan kaum, ist, dass irgendwo eine Gruppe Einheimischer beisammensitzt und lacht oder kichert. Generell blickt man auf den Straßen in düstere Gesichter. Wie in größeren Städten zuhause. Das scheint der Fluch der entwickelten Welt zu sein. Wenn man jemanden anspricht und etwas fragt, sind die Japaner aber sehr hilfsbereit und freundlich. Englisch wird auch hier kaum verstanden oder gesprochen. Kommunikation und Blickkontakt ist ein interessantes Thema. Man hält in Japan nicht lange Blickkontakt, sondern senkt den Blick. Das fällt uns schwer, zumal wir die Sprache nicht verstehen und wenn einen die Leute beim Reden nicht ansehen, nehmen sie auch nicht wahr, ob man was versteht oder nicht. Ein wenig Geduld ist angebracht. Offene Unmutsäußerungen sind ein Faux-pas. Traditionen und ordentliches Verhalten nach Protokoll sind wichtig. Japan strotzt vor Regeln, die auch eingehalten werden. Das schlägt sich in ellenlangen Verbotsschildern und Handlungsanweisungen nieder.
Als Beispiel: zum Fahren mit einem öffentlichen Bus bekommen wir in Kanazawa gleich einen Folder mit Regeln. In vielen anderen Ländern: einsteigen, Ticket lösen, aussteigen. In Japan: Ticket vorher besorgen, anstellen in einer Schlange mit Bodenmarkierung inklusive freizuhaltender Fläche für Fußgeher-Durchzugsverkehr, nur hinten beim Bus einsteigen nachdem alle vorne ausgestiegen sind, sofort hinsetzen, nicht während der Fahrt aufstehen, anschnallen, nicht essen, nicht schnäuzen, Lautsprecher vom Mobiltelefon ausstellen und noch ein halbes Dutzend anderer Verbote. Beim Aussteigen Ticket herzeigen. Wir wollen gar nicht wissen was passiert, wenn man dann keines hat. Es gibt sicher ein Notfallprotokoll, das dann abläuft. Alles sehr ordentlich aber manchmal etwas anstrengend.

















Shirakawago ist in einem Tal im Westen der Hauptinsel an einem Flüsschen inmitten von Reisfeldern gelegen. Das bewaldete Grün der umliegenden Hügel ist ähnlich wie zuhause. Die UNESCO-geschützten Bauernhöfe sind aber deutlich anders. Von weitem sieht es ein bisschen aus wie bei Asterix und Obelix. Die Höfe sind einige hundert Jahre alt und komplett aus Holz gebaut. Es handelt sich um ein Langhaus mit mehreren Stockwerken und einem sehr dicken Reisstrohdach. Hier liegt im Winter Schnee. Auch Seile, Matten und so weiter wurden aus Reisstroh gemacht. Der Dachstuhl mit den mächtigen Balken wird ausschließlich durch Seile zusammengehalten. Unten befindet sich eine offene Feuerstelle. Der Rauch zieht durch Öffnungen in den oberen Stockwerken ab. Dort wurden Seidenraupen gezüchtet und deren Faden verkauft. Gelebt hat man außerdem vom Reisanbau. Dazu wurde das Dörfchen mit Wasserkanälen versorgt, wo auch Fische gehalten werden. Blumen und Sträucher blühen. Angelegte Gemüsegärten. Romantische Idylle mit einem in der Vorsaison erträglichen Maß an Touristen.
Die nächste Kleinstadt Kanazawa ist bekannt für ihre traditionellen mittelalterlichen Stadtviertel, wo einst Samurai und Geishas gelebt haben. Die Festung wurde auf den alten Fundamenten wieder aufgebaut und es gibt einen wunderschönen japanischen Garten auf dem Hügel. Die alten Stadthäuser wurden aus Holz gefertigt. Die Wände sind erstaunlich dünn und es gibt ausschließlich Schiebetüren, die aus Holzrahmen und Papier bestehen. Die Häuser der Samurai sind etwas größer, mit kunstvollem kleinen Garten und einer umgebenden Steinmauer. Die Räume sind mit Reismatten ausgelegt und es gibt kaum Möbelstücke. Geishas waren von Kindesalter an ausgebildete Damen, die durch Anmut, Gespräche, Musik und Tänze erfreuten. Samurai waren ausgebildete Krieger, die den Lord oder Kaiser beschützten. Beide Gruppen hatten einen hohen Status im alten Japan. Weniger die Ninja-Kämpfer, die häufig als Auftragskiller oder Spione agierten.
Die Burg war Festung und Schloss zugleich. Auch hier alles kunstvoll aus Holz gebaut. Die Burgmauern wurden aus einer Bambus und Lehmkonstruktion gefertigt. Leider brannten die Festungen durch den großen Holzanteil regelmäßig ab, wurden aber auch relativ schnell wieder aufgebaut. Bemerkenswert ist der Myouryuji-Tempel. Als Tempel getarnt fungierte er auch als Kommandozentrale außerhalb der unterirdisch verbundenen Festung. Mit zahlreichen Falltüren und Geheimgängen bestückt hat er auch einen Raum für Hara-Kiri, für den Fall, dass der Kommandeur in der Schlacht unterlag. Der Raum konnte nicht mehr geöffnet werden, wenn er einmal zu war.
Am städtischen Markt gibt es fast nur in Plastik verpackte Lebensmittel zu kaufen. Sogar die Pfirsiche sind einzeln verpackt. Die Bauwerke neueren Semesters erinnern uns hier manchmal an deutsche Städte. Was allerdings wiederum ganz anders ist: In den meisten Lobbys, Lokalen, Restaurants und Supermärkten läuft andauernd wilder Jazz als Hintergrundmusik. Keine andere Musik. Man muss sich ganz schön konzentrieren, wenn man mitkommen will. Da versteht man dann, dass sich die Japaner manchmal nach eingängigen Mozartstücken sehnen.
Passend für dich
Passend zu diesem Bericht
Mitsegeln auf Infinity
Ausgewählte Etappen für Mitsegler – vom Insel-Hüpfen bis zur Blauwasser-Passage. Bordleben, Nachtwachen und Wetterrouting aus der Praxis.
Mitsegeln anfragenApp „Meine Reise“
Kostenlos
Planungstool vor dem Start und Cockpit für unterwegs: Kosten, Sparplan, Etappen, Seemeilen und Bordkasse.
Meine Reise planenDas Buch: 360° Freiheit
Abenteuer, Know-how und der Wegweiser für deinen Traum vom Blauwassersegeln – mit über 30 Checklisten und Praxistipps.
Zum Buch