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Indischer Ozean · 5. Juli 2024

Kyoto und Osaka

Als eine der Top-Industrienationen hat Japan viele führende Unternehmen hervorgebracht. Man denke nur an Sony oder verschiedenste Motorrad-Marken. Toyota verkauft die meisten Autos weltweit. Umso spannender ist es, dass hierzulande soeben die Disketten in der Datenverarbeitung der Verwaltung abgeschafft wurden. Als nächstes sei das Fax-Gerät zur Abschaffung dran. Auch in anderen Bereichen nehmen wir eine große Schere zwischen hohem Modernitätsgrad einerseits und Rückständigkeit andererseits wahr. Die U-Bahn in Osaka ist für uns ein Buch mit sieben Siegeln. Es gibt verschiedene Betreiber, die über unterschiedliche Automaten unterschiedliche Tickets verkaufen, die nur für bestimmte Züge gelten. Noch dazu kommt, dass manche Bahnsteige von Zügen verschiedener Betreiber genutzt werden und die Beschilderung nur japanisch bis überhaupt spärlich vorhanden ist. So fahren wir zum Teil Riesenumwege oder zahlen zu viel, weil wir wieder einmal das falsche Ticket gekauft haben, das in anderen Bahnen nicht gilt. Bedienstete der Zugunternehmen oder Passanten sind dabei nicht sehr hilfreich. Englisch ist kaum vorhanden und man hat den Eindruck, dass aus Angst, etwas Falsches zu sagen lieber gar kein Tipp abgegeben wird. Wenn doch, ist der auch oft falsch. Scheinbar selbst den Japanern nicht geläufig, dieses System.

Auf den Straßen haben wir in zwei Wochen Japan kein einziges Mal ein Hupen von Autos oder Klingeln von Fahrrädern gehört. Wir interpretieren das als Höflichkeit. Man bremst lieber, bevor man wen anders mit Hupen stört, weil ohnehin jeder sein Bestes tut. Diese Einstellung gefällt uns. Trinkgeld wird als Beleidigung gewertet. Jeder Japaner macht seinen Job so perfekt wie nur möglich. Das ist eine Selbstverständlichkeit und macht Trinkgeld verstörend. Die Perfektion sieht man unter anderem bei der Gartenpflege. Die Gärtner sitzen in der brütenden Hitze am Boden und zupfen händisch das Gras vom Wegrand oder befreien Pflasterfugen ebenso händisch mit Akribie von Unkraut. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Dazu haben die Gärtner oft Jacken mit zwei kleinen eingebauten Ventilatoren zur Kühlung an.

Mit dem Zug fahren wir wieder durch grüne Landschaften nach Kyoto und finden sogar halbwegs rasch das nagelneue Hotel. Die Lobby gleicht einer Manga-Bibliothek mit Nintendo-Spielen aus den achtziger Jahren. Die Mitarbeiterinnen, überwiegend Europäerinnen, freuen sich über jedes Gespräch, informieren uns über alles mögliche. Die Rezeptionistin erklärt uns, dass wir ein japanisches Zimmer gebucht hätten und ob wir vielleicht einen zweiten Futon möchten. Etwas misstrauisch geworden schauen wir uns das Zimmer an. Es ist winzig. Der Futon aufgerollt in der Ecke und ein kleiner Teetisch mit zwei Kniekissen auf einer Reismatte. „Ja bitte, einen zweiten Futon.“ Wieder mal was Neues. Mit dem Strom aus der Steckdose kommen wir nicht ganz klar. Elektrische Zahnbürste und Rasierer funktionieren nach vielen Stunden aufladen trotzdem nur einige Sekunden. Hier kriegt man 100 Volt und 50 Hertz vom Stromnetz, was manchem unserer Netzadapter zu wenig sein dürfte.

Kulturell hat Kyoto von allen Städten in Japan das meiste zu bieten. Sage und schreibe gibt es hier 17 UNSECO-Welt-Kulturerbe-Stätten. Dementsprechend gut besucht ist es auch. Ob Regen oder Sonnenschein, man droht andauernd von tragbaren Schirmen der Touristenmassen ein Auge ausgestochen zu bekommen. Gut, dass wir beide Brillenträger sind.

Natürlich machen wir uns auch zu den wichtigsten Tempeln auf. Als Beispiel sei hier der Kiyomizu-dera Tempel genannt. Im späten 8. Jahrhundert wurde dieser Tempel erstmals gebaut, der jetzige Tempel wurde allerdings überwiegend im 17. Jahrhundert erbaut und steht auf überdimensionalen alten hohen Holzkonstruktionen. Sehr beeindruckend. Vor dem Eingang der Nijo-Burg heißt es, Schuhe ausziehen und über den uralten Holzboden flanieren. Es zwitschert die ganze Zeit, sodass wir schon glauben, dass man hier wie in der U-Bahn Vogelgezwitscher einspielt. Ein Schild klärt uns auf. Die Nägel im alten Holz klingen wie Vogelgezwitscher beim drüber gehen. Kunstvoll gestaltete Wandmalereien mit Natur- und Tiermotiven, keine Möbel. Alles Holz. Einfach und schön.

Wir lassen uns durch die Stadt treiben, gehen durch die Geisha-Viertel, welche besonders schön am Abend sind, in weiches Licht getaucht, ohne Touristenhorden. Ab und zu kommen Japanerinnen im Kimono daher. Ein Samurai- und Ninja-Museum steht auch auf dem Programm. In Kurzform wird die kriegsreiche japanische Geschichte erklärt. Clans mit deren Lords bekämpften sich jahrhundertelang, wurden geeint, zerstritten sich und wurden durch Kriege und Politik wieder geeint und so weiter. Dabei spielten die Samurai als japanische Ritter eine wichtige Rolle. Die Herrscher wurden oft nicht so alt, dass sie ihre Macht an die eigene Blutlinie weitergeben konnten, weil die Kinder noch zu klein waren. So wurde die Herrschaft zum Teil in Vertretung an einen Samurai übertragen, der damit zum Chef der anderen Samurai-Lords wurde und als „Shogun“ herrschte. Das gefiel naturgemäß nicht immer den anderen und das Schlachten begann von vorne.

Ein Marktbesuch darf nicht fehlen. Die Marktgassen sind überdacht und bieten zielführend Schutz vor Sonne und Regen. Hier kann man sich an den Ständen durch die japanische Küche kosten. Die Bars sind nett und noch kleiner als in Tokio. Manchmal gibt es nur fünf Sitzplätze in einer Bar. Die Gassen eng und bevölkert. Auch im Familienleben geht es bisweilen eng zu. Heute noch leben viele japanische Familien in mehreren Generationen in einem Haushalt. Oft gibt es angeblich auch noch arrangierte Ehen. Die Scheidungsrate ist dabei um einiges geringer als in westlichen Ländern. Das begünstigt außereheliche Beziehungen, die toleriert werden, über die aber geschwiegen wird. Diese Faktoren scheinen dazu beizutragen, dass die allgegenwärtigen „Love-Hotels“ florieren, die auf Stundenbasis abgerechnet werden.

Wir fahren nun zu unserem letzten Stopp in Japan nach Osaka, der Stadt des Essens und des Nachtlebens. Um möglichst nah am Geschehen zu sein, suchen wir ein Hotel mitten im Ausgehviertel und finden ein absolutes Schnäppchen. Wir landen zufällig in einem Love-Hotel, dessen Zimmer auch tageweise vergeben werden. Schlüssel bekommt man keinen. Die Tür zum Zimmer wird von der Rezeption elektronisch geöffnet, möchte man wieder hinaus, muss man die Rezeption anrufen. Schon wieder was Neues.

Die Straßen sind häufig überdacht und große bunte Figuren an den Häusern locken Kundschaft an. Vor einem Lokal stehen die Leute Schlange, das nächste ist komplett leer. Eine Stunde später ist das Ganze umgekehrt. Wir kosten Oktopusknödel und weitere undefinierbare Spezialitäten aus Osaka und finden sie nicht ganz so toll, wie in den Reiseführern angepriesen.

Es gibt eine geschichtsträchtige Burg mit Museum und Aussicht über Osaka. Als Weltkulturerbe ist eine Gruppe von Kaiser-Hügelgräbern, Kofuns genannt, registriert. Das berühmteste ist das Grab von Kaiser Nintoku aus dem 5. Jahrhundert. Die Grundfläche ist größer als jene der Cheops-Pyramide. Neben der Pyramide und dem von uns kürzlich besuchten Mausoleum in Xián in China ist es eine der drei weltgrößten Grabstätten. Das Besondere kann man nur aus der Vogelperspektive sehen, da die monumentalen uralten Grabhügel mittlerweile dicht mit Wald bewachsen sind: Die Grundform jedes Grabes schaut aus wie ein Schlüsselloch mit einem Wassergraben herum. Neben dem Grab von Nintoku finden sich noch einige andere Gräber, die allerdings kleiner sind.

Ein weiteres kulturelles Erbe befindet sich westlich von Osaka: Die Himeji Burg, eine der ältesten erhaltenen Originalbauwerke Japans aus dem 17. Jahrhundert. Das Haupthaus besteht aus 5 Stockwerken, alles ist aus Holz gebaut. Die Hauptlast tragen zwei riesige Baumstämme mit 24 Metern Länge, wobei einer davon einmal gestückelt werden musste. Die gesamte Anlage ist imposant und die einzige ihrer Art, die nie zerstört wurde. Im Sonnenschein erstrahlt sie weiß. Während der Kirschblüte muss es schon unwirklich kitschig sein.

Noch ein letztes Mal fahren wir mit dem Schinkansen-Schnellzug zurück nach Osaka, der dieses Mal nicht wie sonst auf die Sekunde genau fährt, sondern vertretbare zehn Minuten zu spät. Noch einen Tag treiben lassen, dann verlassen wir Japan in Richtung Pandabären nach Chengdu in China, bevor es mit dem Zug nach Tibet weitergeht.

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