Südatlantik · Brasilien · 22. Juli 2026
Reparieren und weitersegeln – Nordostküste Brasiliens
Wir sind zurück auf Infinity! Nach drei Monaten Südamerika-Landreise freuen wir uns darauf, endlich wieder an Bord zu sein. Das Boot scheint sich ebenfalls auf uns gefreut zu haben – allerdings auf seine ganz eigene Art. Bevor wir auch nur ans Ablegen denken können, steht erst einmal die Schadensaufnahme auf dem Programm. Die erste Überraschung erwartet uns ausgerechnet dort, wo wir eigentlich schlafen möchten. Die Dachluke über unserer Koje hat beschlossen, dass Dichtheit nur eine unverbindliche Empfehlung ist. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – oder besser nicht. Die neue Matratze ist angeschimmelt, die Polster gleich mit. Offenbar hat es in den letzten Wochen ausdauernder geregnet als uns lieb ist. Wenigstens haben die zusätzlichen undichten Luken im Bad dank des Bodenablaufs keinen größeren Schaden angerichtet. Man muss sich die kleinen Erfolge eben selbst suchen.
Duschen funktioniert ebenfalls nur eingeschränkt. Das Wasser kommt zwar, möchte anschließend aber nicht mehr verschwinden. Die Abwasserpumpe der Dusche im Backbordrumpf hat ihre Mitarbeit eingestellt. Also holen wir unseren mittlerweile historischen Nasssauger hervor und saugen das Wasser ab. Immerhin bekommt der dadurch endlich auch einmal eine gründliche Innenwäsche. Den defekten Wassersensor kennen wir bereits von früher. Wer lange genug mit einem Boot unterwegs ist, entwickelt irgendwann einen gesunden Pessimismus und legt sich solche Ersatzteile vorsorglich auf Lager. Ein paar Handgriffe später ist der neue Sensor eingebaut.
Die Toilette möchte ebenfalls Aufmerksamkeit. Obwohl wir sie vor der Abreise sorgfältig mit Süßwasser gespült haben, saugt sie kein Wasser mehr an. Martin zerlegt die Pumpe inzwischen fast schon automatisch. Man könnte meinen, der Hersteller habe sie eigens für regelmäßige Wartungsübungen konstruiert. Trotzdem führt auch diesmal kein Weg an der klassischen Methode Versuch und Irrtum vorbei. Schließlich entdecken wir den Übeltäter: eine winzige Feder, deren Ende sich verbogen hat. Natürlich besitzen wir Ersatz. Natürlich ist die Feder so raffiniert auf einer Schraube im Reparaturset versteckt, dass wir sie zunächst übersehen. Kaum gefunden, ist sie eingebaut. Die Toilette funktioniert wieder. Zumindest bis auf Weiteres. Auf einem Boot lernt man schnell, Reparaturen grundsätzlich als Zwischenstand und nicht als Endergebnis zu betrachten. Auch unser Außenborder möchte offensichtlich nicht in Vergessenheit geraten. Frisches Benzin ist eingefüllt. Trotzdem schweigt der Motor beharrlich. Offenbar nimmt er uns die dreimonatige Pause persönlich. Also landet der Vergaser erneut auf dem Tisch. Diesmal bauen wir die Originaldichtungen ein, reinigen die Zündkerzen noch einmal und behandeln den Vergaser großzügig mit Vergaserspray. Zwei kräftige Züge am Starterseil später läuft der Motor, als wäre nie etwas gewesen.
Jetzt fehlen nur noch die üblichen Punkte auf der Wartungsliste, etwas Schimmelbekämpfung, Reinigung des Unterwasserschiffs und unzählige Kleinigkeiten. Das Wort „nur“ bekommt auf einem Boot allerdings eine ganz eigene Bedeutung. So vergehen die ersten Tage schneller als gedacht, ohne dass wir uns auch nur einen Meter vom Steg entfernen. Zum Glück zeigt sich das Wetter überwiegend freundlich. Warm ist es ohnehin, und in der Marina gibt es sogar einen kleinen Pool. Einzelne Regenschauer erinnern uns allerdings regelmäßig daran, warum wir sämtliche Luken neu abdichten sollten.
Nahe der brasilianischen Küste ist das Wasser oft stark mit Schwebstoffen belastet, besonders in Flussmündungen. Diese würden Vorfilter verstopfen und die Membran des Wassermachers beschädigen. Daher ist die Anlage derzeit konserviert und außer Betrieb; Trinkwasser beziehen wir aus der Marina. Dieses Wasser enthält aber Chlor, das die Wassermacher-Membran beim Spülen vor der Wiederinbetriebnahme angreift und vor der Nutzung entfernt werden muss. Da die Rückspülleitung mit dem Frischwassertank verbunden ist, verbrauchen wir zunächst das chlorhaltige Wasser darin. Beim nächsten Wassertanken in der Marina kommen unsere neuen Sediment- und Aktivkohlefilter zum Einsatz, sodass chlorfreies Wasser in den Tank gelangt. Damit steht jederzeit geeignetes Spülwasser für den Wassermacher zur Verfügung.





Unser Stammplatz wird bald das kleine Bistro der Marina. Hier treffen sich auch einige Franzosen. Die Stimmung ist bestens, bis Frankreich bei der Fußball-WM gegen Spanien ausscheidet. Danach sieht es aus, als hätte jemand die gute Laune gleich mit abgepfiffen.
Langsam juckt es uns wieder in den Fingern. Es wird Zeit, die Segel zu lüften. Unser erstes Ziel ist Galinhos, knapp 230 Seemeilen entfernt an der Nordostküste Brasiliens. Wie so oft muss einfach alles gleichzeitig passen: Wetter, Wind, Strömung, Tide und Tageslicht. Die Marina können wir nur zu bestimmten Zeiten verlassen, weil die Strömung sonst unangenehm gegen den Steg drückt. Vor Kurzem hat es hier einen Unfall gegeben, entsprechend vorsichtig ist das Marinateam. Verständlich – für unseren Zeitplan allerdings nicht so toll. Würden wir zum erlaubten Zeitpunkt auslaufen, kämen wir erst nach Einbruch der Dunkelheit an der Barre von Galinhos an. Darauf haben wir keine Lust. Also entscheiden wir uns für eine typisch seglerische Lösung. Wir verlegen das Problem einfach ein paar hundert Meter weiter und verbringen die Nacht an einer Boje vor der Marina. Von dort können wir am nächsten Morgen bei Tageslicht und passender Tide starten.
Zwei Tage zuvor allerdings noch Brasiliens Behördenmarathon. Die Polizei erledigt ihren Teil gemächlich in einer halben Stunde. Der Zoll hingegen kämpft gegen seinen Computer – und verliert. Anderthalb Stunden später dürfen wir weiter. Danach fahren wir noch eine gute halbe Stunde nach João Pessoa zum Hafenamt. Perfektes Timing: Mittagspause. Also warten wir eine weitere Stunde. So verbringt man problemlos einen kompletten Tag mit dem Ausklarieren, ohne das Land überhaupt verlassen zu wollen.
Zum Abschluss gönnen wir uns noch einmal das hervorragende Hühnchen im Marina-Bistro. Danach geht es mit Mitzi zurück zum Boot. Zumindest theoretisch. Praktisch verstummt der Außenborder nach wenigen Metern, und wir treiben gemütlich mit der Strömung davon. Martin formuliert innerlich bereits die Verkaufsanzeige für Infinity. Titel: „Gut ausgestatteter Katamaran. Umfangreiches Ersatzteillager inklusive. Besitzer reparaturmüde.“ Mangels Alternativen greift er zu den Paddeln und rudert zurück zum Steg. Das Starterseil wird fünfzig Mal bemüht. Plötzlich läuft der Motor wieder völlig unbeeindruckt, als hätte es nie ein Problem gegeben. Vermutlich war tatsächlich nur der letzte Rest alten Benzins schuld. Diesmal gewinnen ausnahmsweise wir.
Am Morgen schiebt uns die Strömung kräftig aus dem Fluss hinaus. Kaum erreichen wir den Atlantik, empfängt uns eine ordentliche Kreuzsee. Infinity beginnt sofort zu hüpfen und zu rollen, als wolle sie testen, ob wir das Segeln in den letzten drei Monaten verlernt haben. Spätestens nach dem ersten blauen Fleck wissen wir wieder, warum man sich an Bord immer irgendwo festhält. Entspannt schlafen funktioniert ebenfalls nur theoretisch.
Immer wieder ziehen Squalls über uns hinweg. Glücklicherweise erwischen uns nur wenige davon. Mit 16 bis 30 Knoten Wind und zusätzlich zwei bis vier Knoten Strom aus der richtigen Richtubg kommen wir trotzdem ausgezeichnet voran. Nachts holen wir weit nach Osten aus, um den zahlreichen Fischern vor der Küste genügend Platz zu lassen. An der Barre von Galinhos treffen wir rechtzeitig ein. Hochwasser ist allerdings erst nach Sonnenuntergang. Laut Seekarte sollten wir unbedingt auf ausreichend Wasser warten, bei Dunkelheit möchten wir aber auf keinen Fall einlaufen. Also verbringen wir noch eine Nacht vor Anker vor der Einfahrt nachdem die Wellen nicht hoch sind.
Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass die Seekarte diesmal zu vorsichtig war. An der flachsten Stelle zeigt das Echolot rund drei Meter Wasser bei Hochwasser. Die Betonnung stimmt, leuchtet allerdings nicht. Dafür blinken ringsum unzählige Windräder synchron. Der Ankerplatz ist hervorragend geschützt. Nur die Gezeiten sorgen dafür, dass sich unsere Schwojrichtung viermal täglich ändert. So kann man bequem das gesamte Panorama in alle Richtungen genießen.






Schon nach kurzer Zeit fällt uns auf, dass es hier häufiger regnet als weiter südöstlich. Außerdem gibt es keinen Dingisteg. Mitzi bekommt deshalb regelmäßig ihr persönliches Peeling und wird bei Hochwasser den Sandhügel zur Hochwassergrenze hinaufgezogen.
Die örtlichen Taxis entpuppen sich als kleine Pferdekutschen. Unser Kutscher fährt uns zum einzigen Leuchtturm der Insel. Mitten auf der Strecke hält er plötzlich an. Einige Fischer ziehen gerade ein großes Netz an Land. Da wird jede helfende Hand gebraucht. Das Pferd scheint mit dieser spontanen Pause durchaus einverstanden zu sein. Am Abend findet das WM-Finale statt. Da Argentinien Brasiliens Fußball-Erzrivale ist, schlägt hier praktisch jedes Herz für Spanien. Jeder Fehlpass der Argentinier wird begeistert kommentiert, jeder Ballverlust lautstark gefeiert. Neutralität gehört nicht zur brasilianischen Fußballkultur. Der kleine Ort und seine Strände erinnern uns an die Malediven – allerdings ohne klares Wasser. Die Straßen bestehen aus Sand, deshalb verkehren neben den Pferdekutschen hauptsächlich Buggys. Es gibt kleine Geschäfte, freundliche Menschen und Sand in allen erdenklichen Variationen. Immer wieder fahren Fähren an unserem Ankerplatz vorbei. Anfangs kommen sie neugierig näher, später kennen sie uns offenbar und ziehen einfach ihre gewohnte Route.
Eine große Sanddüne möchten wir mit Mitzi auch besuchen. Kurz nachdem wir losfahren, öffnet der Himmel allerdings sämtliche Schleusen. Wegen des Regens sind Badegäste außerhalb der Wochenenden ebenfalls rar. Die Bewohner arbeiten in den nahegelegenen Salinen. Uns wird immer noch nicht langweilig. Jeden Tag nehmen wir uns ein paar kleinere Projekte vor. Die Stahlrohre der Steuerstandabdeckung klappern inzwischen derart hartnäckig im Wind, dass wir ihnen den Kampf ansagen. Drei verschlissene Bohrer und zwei neue Nieten später herrscht endlich Ruhe. Zumindest an dieser Stelle. Anschließend dichten wir sämtliche Lukenrahmen neu ab. Irgendwann müssen schließlich auch der Regen und die Brecher akzeptieren, dass deren Platz draußen ist.
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