Indischer Ozean · 4. September 2025
Rund um Nosy Be
Unser Agent Jimmy organisiert eine schnelle Süßwasserwäsche für Infinity in der Crater Bay am Dingi Dock mit Schlauchanschluss. Die Schmutzwäsche übernimmt er auch gleich samt Müll. Da in Madagaskar rein gar nichts ohne Bargeld geht, wird Martin gleich zum Bankomaten getuktukt. Der Bankomat spuckt Ariary in 20.000er Stückelung aus. Das sind 4 Euro. Man wird die Scheinchen beim Einklarieren aber auch schnell wieder los. In einer bestimmten Reihenfolge geht es zu den verschiedenen Beamten im Hafen von Hellville und jedesmal sind circa 24 Euro fällig. Die Rallye startet in einem kleinen baufälligen Container ohne Ventilator oder Klimaanlage. Daher sitzen alle Uniformierten draußen oder sind erst gar nicht da. Ein verstaubter Röhrenfernseher steht in der Ecke. Auf der anderen Seite eine Schreibmaschine aus den achtziger Jahren auf einem Regal, ein Moped ist ebenso hineingequetscht wie große Mülltonnen. Der Polizeichef ist gerade auswärts beim Morgenappell. „Na dann, bis später.“












Der Name Hellville kommt vom französischen Admiral „de Hell“ und nicht aus dem Englischen für „Hölle“. Hölle wäre auch nicht ganz zutreffend. Die Häuser sind zwar in einem schlechten Zustand aber sonst ist es ganz nett hier. Während wir auf der Straße vor dem Orange-Geschäft den Kauf von zwei SIM-Karten abwickeln, wird auf der gegenüberliegenden Seite vor der Mairie, dem Rathaus (mit Weihnachtsschmuck), die Nationalflagge gehisst. Die Straße wird für die Dauer der Zeremonie gesperrt, Mitarbeiter des Rathauses samt Polizei und Gendarmerie stellen sich in Formation auf. Für die Dauer der Nationalhymne friert unsere SIM-Karten-Verkäuferin ein und blickt stumm Richtung Flagge. So viel Zeit muss sein. Zurück im Hafen geht es weiter zu Immigration, Hafenkapitän und Zoll – immer wieder hin und her. Gerne gesehen wird, wenn man keinen Zahlungsbeleg verlangt, wobei diese ohnehin nur aus losen Zetteln ohne Nummerierung bestehen und die Einnahmen dadurch kaum nachverfolgt werden können. Alles wird händisch notiert und gestempelt. Keine elektronische Datenverarbeitung. Zum Schluss geht es noch zum Polizeichef. Sein Angestellter hat nur einen Job: stempeln. Leider versagt er und stempelt uns Oktober anstatt August in die Pässe. Catastrophe majeure! Nach langem Gegacker setzen sie den Vorschlag von Martin um, malen mit einem Stift vor das „O“ von „OCT“ ein „A“ und wandeln das „C“ in ein „U“ für „AOUT“ um (französisch für August). Der „Chef de Police“ blickt gleich zufriedener drein. Wir versprechen noch, nirgendwo anders auszuklarieren, damit sich die Beamten von Nosy Be nicht vor den Kollegen einer anderen Stadt blamieren müssen.
Der Markt von Hellville ist ein Erlebnis der besonderen Art. Sehr ursprünglich, eng, vollgestopft bieten die Bauern ihre Erzeugnisse an. An Obst, Gemüse, Gewürzen, Fisch und Fleisch gibt es alles was man sich vorstellen kann – selbstverständlich ohne Kühlung, dafür mit Fliegen. Die Geruchskulisse bedarf einiger Gewöhnung. Nachdem wir um sieben in der Früh angefangen haben, ist der Tag noch lang und wir sind fast ausgeruht. Wieso also nicht gleich ein Sightseeing-Programm anhängen. Wir heuern einen jungen Tuktuk-Fahrer an, der normalerweise nur im Stadtinneren fährt und sich ebenso auf eine Runde außerhalb freut wie wir. Als erstes geht es zum Lemurenpark. Die nur auf Madagaskar lebenden Affen gibt es hier auch in freier Wildbahn, aber man kann sie nicht immer sehen. Die schwarzen Männchen leben unauffällig im Matriarchat der braunen Weibchen. Unauffällig sind naturgemäß auch die Chamäleons. Auch von diesen leben viele Arten nur in Madagaskar. Die riesigen Landschildkröten wurden allerdings vom nahegelegenen Seychellen-Natur-Paradies Aldabra hergebracht. Würgeschlangen und Nil-Krokodile wohnen wiederum seit jeher in Madagaskar. Vom ausgiebigen Baden in den hiesigen Kraterseen, Flüssen und Flussmündungen ist deshalb abzuraten.
Die berühmten Baobabbäume oder Affenbrotbäume gibt es auf Nosy Be nur in Miniaturausgabe. Sie sind jung und wachsen ziemlich langsam. Zum Anbau von Zuckerrohr wurde früher ein guter Teil der Insel gerodet und für die Zuckerproduktion genutzt. Heute ist die Insel voll von Ylang-Ylang Plantagen, die für die Parfum- und Kosmetikindustrie genutzt werden. Wir lassen uns den Parfum-Destillerievorgang erklären und landen im Anschluss im Souvenirshop. Jetzt haben wir noch Zeit für einen Abstecher zur Domaine de Florette. Google zeigt uns einen Weg. Die angegebenen Straßen stellen sich allerdings bestenfalls als Trampelpfad heraus. Die Schräglage des rostigen Tuktuks ist besorgniserregend. Dann stellen wir fest, dass dieser Garten ein zweites Mal woanders auf Googlemaps verzeichnet ist. Nach mehrmaligen Telefonaten mit der Besitzerin kommen wir durchgerüttelt an. Eine junge Frau führt uns durch den herrlichen Garten. Blumenanbau für Floristen, Kurkuma- und Ingwerwurzeln, Ylang-Ylang-Gärten und Zimtbäume, Wälder, sowie eine große Vanilleplantage befinden sich in der Domaine. Zirka 70 bis 80 Prozent der weltweit angebotenen Vanilleschoten werden in Madagaskar produziert. Kerstin bekommt ein halbes Kilo für einen Euro angeboten. Auch viele andere Gewürze werden produziert. Für alle, die uns das gewünscht haben: „Wir sind hier nun endlich wo der Pfeffer wächst.“
Jetzt bleiben wir erstmal in Hellville zum Genießen und Bunkern. Das Essen ist sehr gut. Rezepte aus Frankreich treffen auf Afrika, eine schöne Kombination. Am Ankerplatz neben uns steht ein österreichischer Katamaran. Klar, dass wir mit Manfred und Werner beim Abendessen plaudern.









Die Inseln Nosy Komba und Sakatia besegeln wir von Nosy Be aus. Dort kann man mit großen Meeresschildkröten schnorcheln, die unbeeindruckt von den Touristen im Seegras vor sich hin futtern. In der Crater Bay wird von Sue zweiwöchentlich ein Seglertreffen veranstaltet. Wie immer erzählt jeder seine „royal fails“ vom Segeln, was immer amüsant ist. Ein Highlight eines Anwesenden: Die motorgetriebene Antriebseinheit des Segelbootes leistet keinen Vortrieb mehr. Also wird mühevoll für das Modell eine Ersatzkupplung gesucht, verhandelt, gekauft und nach einer Woche eingebaut. Noch immer kein Vortrieb?! Ein kurzer Schnorchelgang unter dem Boot enthüllt, dass der Propeller fehlt…
Am nahegelegenen Strand gibt es tanzende Kinder, Livemusik und schmackhaftes Essen sowie Straßenhändler. Die Leute sind arm und wir sparen nicht bei Trinkgeld und anderen Zuwendungen. Madagaskar ist leider auch Malaria-Hochrisikogebiet, wo wir prophylaktisch Malaria-Tabletten nehmen. Wir kämpfen etwas mit den Nebenwirkungen. Nachdem wir uns nur kurz in Madagaskar aufhalten, nehmen wir die Nebenwirkungen aber in Kauf.
Eigentlich müssten wir zum Ausklarieren zurück ins dreckige Hafenbecken von Hellville segeln. Mit der Hilfe von Jimmy, etwas Verhandlungsgeschick und einigen Euros extra setzen wir uns durch, und die Beamten sehen darüber hinweg, dass wir zum Ausklarieren mit dem Tuktuk anreisen. Ein letzter Großeinkauf beim französischen Leaderprice Supermarkt. Von jetzt an geht es langsam an der Westküste Madagaskars südwärts.
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