Südatlantik · 15. September 2026
Kourou – zwei Minuten bis in den Orbit
Juhu, zurück in der Zivilisation. Käse, Essen, Euro, Frankreich, EU. Wir landen in Französisch-Guyana. Vor der Stadt Kourou liegen die Îles du Salut. Sie bestehen aus drei kleinen Inseln – Île Royale, Île Saint-Joseph und Île du Diable. Sie sind vor allem für ihre ehemalige französische Strafkolonie bekannt. Heute verbinden sich dort tropische Natur, historische Gefängnisanlagen und eine eindrucksvolle, abgeschiedene Atmosphäre. Vor der Île Royale können wir ankern und das erste Mal seit Mosambik wieder ins Meer hüpfen – ein unglaublich gutes Gefühl. Das Wasser ist zwar nicht ganz klar, aber gut genug, um endlich die Anoden an den Propellern zu wechseln. Unser Unterwasserschiff hat das Süßwasser im Amazonas genossen und ist blitzblank. Wir sind nicht böse, als wir merken, dass die Reinigung ausfällt.
Einen Katzensprung von hier liegt Kourou. Die kleine Stadt ist vor allem als Standort des europäischen Raumfahrtzentrums bekannt. Vom Centre Spatial Guyanais starten die Trägerraketen Ariane und Vega mit Satelliten und wissenschaftlichen Missionen ins All. Die Nähe zum Äquator bietet dabei einen besonderen Vorteil, weil die Erdrotation den Raketenstart unterstützt und dadurch Treibstoff spart. Außerdem kann man von hier aus in zwei Richtungen starten. Wir besichtigen das Raumfahrtzentrum mit zugehörigem Museum und warten gespannt auf den nächsten Raketenstart in vier Tagen. Das Ein- und Ausklarieren funktioniert hier zwar zu hundert Prozent elektronisch, aber da man vielleicht bei unserer folgenden Einreise in Suriname doch einen Stempel benötigt, fragen wir die Zollbehörde. Dort reagiert keiner auf Mails oder Anrufe – genauso wie bei der Anmeldung für die Führung im Raufahrtszentrum. Willkommen in Frankreich! Ist das „Savoir Vivre“ oder einfach „Wurstigkeit“? Hier heißt das vermutlich „Egalité“. Egal, fahren wir halt hin. Beim Zoll ist keiner zuhause. Im Raumfahrtszentrum treffen wir eine einsame Dame am Schreibtisch, die sich überhaupt nicht erklären kann, warum wir keine Antwort bekommen haben. Das Telefon läutet, sie geht nicht ran und am Computer öffnet sie ihr Postfach, welches eine Flut von ungelesenen Mails zum Vorschein bringt. Nach unserem vielsagenden Blick verschafft sie uns immerhin eine Führung übermorgen. Im Zentrum gibt es an einem Terminal einen interaktiven Berufstest für die Raumfahrt. Zum Spaß machen wir beide den Test. Prompt ist Kerstin hervorragend geeignet für die Wartung der Klimaanlagen. Da lacht Martin noch. Er macht den gleichen Test mit komplett verschiedenen Antworten. Ergebnis: Er ist hervorragend geeignet, sich um die Wartung der Klimaanlagen zu kümmern. Ob denen vielleicht heiß ist?








Unser Ankerplatz ist wieder einmal im seichten schlammigen Fluss. Bei 15 Knoten Wind gegen drei Knoten Strom spannt die Ankerkette nicht und das Boot segelt durch die Windangriffsfläche und das kleinere Unterwasserschiff wie wild an der Kette gegen die Strömung hin und her. Bei Springtide slippt der Anker das erste Mal in unserer siebenjährigen Reise mit tausenden Ankertagen. Immerhin slippt er nur langsam und die Strömung dreht viermal am Tag die Richtung jeweils um 180 Grad, sodass man nicht gleich in eine Richtung weggespült wird. In der Nacht wird es ruhiger. Mit dem Ankeralarm des PredictWind DataHub, der uns auch dann alarmiert, wenn wir nicht an Bord sind, trauen wir uns in die Stadt. An einem der Folgetage auch nach Cayenne. Die Städte hier sind nicht speziell sehenswert aber es gibt immerhin einen großen Baumarkt, der die Hoffnung auf eine zwei Millimeter-Mutter für unseren Gennaker-Furler nährt. Es gibt alles im Baumarkt, bloß das Regal mit den begehrten Muttern ist leer. Dafür können wir uns im Supermarkt beim Käseeinkauf austoben. Auf dem Rückweg von Cayenne piepst der Ankeralarm. Bei 50 Meter Kette und 3 Meter Wassertiefe, ist das Boot bald 70 Meter vom Anker entfernt. Infinity pflügt sich langsam aber unaufhörlich durch den weichen Schlamm. Mittlerweile stehen wir im betonnten Fahrwasser. Mehrere Versuche, den Anker im Dunkeln wieder einzufahren, scheitern, sodass wir uns für eine Nacht an eine freie private Boje hängen. Gleich am Morgen verlassen wir die Boje und machen bei dieser Gelegenheit kurz am Anlegesteg fest, um Wasser und Diesel zu bunkern. Der Verwalter möchte 50 Euro für 250 Liter Wasser haben. Er lässt sich aber netterweise auf null Euro herunterhandeln. Während Martin um den horrenden europäischen Preis Diesel mit Kanistern einkauft, wird Kerstin von Wichtigtuern einer Charterfirma zusammengestaucht, weil wir eine Stunde an ihrem Steg stehen. Vor uns hätte noch ein Boot Platz und es ist weit und breit kein Boot zu sehen, das gerne anlegen würde. Nichts wie weg von hier. Dieses Mal ankern wir so weit von den anderen Booten weg, dass wir uns drei Tage durch den Kourou-Fluss pflügen können, ohne ins Fahrwasser zu gelangen oder andere Boote zu treffen. Am Ankerplatz existiert neben drei Besucheryachten eine mit ihren alten Booten festsitzende Schrebergartengemeinde. Werner und Emmi begrüßen uns sehr herzlich und informieren uns über die wichtigsten Dinge und den schlechten Ankergrund. Kerstin fragt eines Morgens, wo denn das Boot der beiden geblieben sei. Gerade war es noch da. Im nächsten Augenblick sehen wir es bedrohlich mit einem riesigen Koloss von einem treibenden Baumstamm in der Ankerkette auf den Fischersteg zudriften. Die Afun Davu hat keinen funktionierenden Motor. Kurz vor dem Steg bleibt die ganze Fuhre im Schlamm stecken und das Schiff wird gottseidank nicht beschädigt, zumindest nicht mehr als es schon vorher war. Wir staunen nicht schlecht: Ein mit der Strömung treibender mehr als 30 Meter langer Baumstamm mit einem Meter Durchmesser hat einfach zwei ankernde Boote mitgerissen. Unsere Versuche, den Baum mithilfe einiger Dingis zur Seite zu schaffen, fruchtet nicht. Ein großes Fischerboot schafft es schließlich, das Ungetüm in die Mangroven zu schleppen, und die Boote wieder an ihre Plätze zu manövrieren. Deren Anker haben beim Aufholen noch ein paar Geschenke mitgebracht. Alte Leinen, Ketten und noch weitere Anker kommen zum Vorschein. Wir wundern uns darüber, dass man ausgerechnet in diesem Fluss für Jahre wohnen möchte. Wahrscheinlich sind es mehrere Gründe: Die nicht mehr seetüchtigen Boote von Deutschen, Belgiern und Franzosen können in der Nähe nicht repariert werden. Als EU-Bürger darf man hier samt gratis Gesundheitsvorsorge so lange bleiben wie man möchte. Die mangelnde Ersatzteillogistik und die wachsenden Sozialkontakte tun ihriges dazu und schwupp: schon sind ein paar Jahre vergangen. Das Wegkommen wird nicht leichter.
Auch wir werden Nutznießer der großzügigen Gesundheitspolitik in Französisch-Guyana. Sobald man Security und Empfangsdame beim Impfdienst überzeugt hat, dringt man zum freundlichen Arzt vor: zack – Tetanus-Auffrischungsspritze. Leider wütet in und um Kourou derzeit eine schlimme Chikungunya-Epidemie, welche eine sehr schmerzhafte Infektion nach sich ziehen kann und von Tigermücken übertragen wird. Der Arzt empfiehlt sie wärmstens. Also weiter zur Apotheke – auch dort bekommt man die entsprechende Impfung ohne viel Aufhebens gratis wie die Bewohner. Dankeschön.









Die Führerin im Raumfahrtszentrum erklärt wortreich in drei Sprachen, dass die Führung bloß auf Französisch sein wird, um diese Führung dann in drei Sprachen abzuhalten. Ariane 6 und die kleineren Vega-C Raketen starten von hier aus. An zwei weiteren Abschussrampen wird gearbeitet. In einigen Jahren sollen 30 Raketen pro Jahr abgeschossen werden. Die Teile für die Raketen werden in verschiedenen Ländern Europas gebaut und mit Schiff und Flugzeug hierhergebracht. In Kourou werden die Raketen zusammengesetzt und diese, sowie die Satelliten eingehenden Tests unterzogen. Das Areal ist 660 Quadratkilometer groß und wird durch gehörige Militärpräsenz gesichert. Eine Ariane-Rakete samt Satelliten ist immerhin 600 Millionen Euro teuer. Wir werden mit dem Bus herumgefahren, sehen zwei Kontrollzentren von innen und dürfen mit Sicherheitsabstand eine Abschussrampe ansehen. 80 Prozent der 30 Meter hohen Raketen ist Treibstoff. Ein guter Teil davon wird gleich am Beginn kontrolliert gesprengt, um die Rakete vom Boden zu heben. Diese Explosion ist 200 Dezibel laut und würde Menschen in der Nähe das Gehör kosten. Würden Probleme mit der Flugbahn auftreten, wird die Rakete unweit von Kourou in der Luft gesprengt und Teile, sowie der hoch giftige Treibstoff prasselten auf die Umwelt nieder. Deshalb sind an Starttagen der Ankerplatz vor den Îles du Salut und der Seeweg nach Kourou genauso gesperrt, wie das gesamte Areal im Startbereich. Eines der Kontrollzentren befindet sich in einem Bunker. Heute wird eine Vega-C mit zwei Satelliten an Bord ins All befördert. Am Abend in der Dunkelheit ist das ein besonderes Erlebnis. Militärfahrzeuge, Hubschrauber, Drohnen und Militär-Jetskis sichern die Umgebung. Am Strand in der ersten Reihe versammeln sich die Interessierten. Spannung vor dem Countdown. Dann, der gleißende riesige Lichtblitz in 14 Kilometern Entfernung. Erst langsam und dann immer schneller entfernt sich das unvergleichlich helle Licht, bis es schließlich hinter den Wolken gespenstisch diffus leuchtet und mit rasender Geschwindigkeit den Blicken entschwindet. Erst jetzt dringt das höllische Donnergrollen zu uns herüber. Das war‘s, 600 Mille weg, Applaus am Strand. Nach kurzer Zeit werden über dem indischen Ozean bereits die ersten Tanks abgeworfen und in zwei Minuten ist die Rakete im All. Dort wird die nächste Stufe abgesprengt, bis schließlich nach eineinhalb Stunden ein kleiner Rest der Rakete die Satelliten in ihrer Umlaufbahn aussetzt. Bei der nachfolgenden Launchparty im Kontrollraum dürfen leider nur geladene Gäste und die Presse teilnehmen. Wir feiern lieber privat – gleich zusammen mit unserem Abschied aus Französisch-Guyana. Ein Stein fällt uns vom Herzen, als wir den Anker ohne größere Probleme aus dem Dreck bekommen und im Morgengrauen Richtung Paramaribo, der Hauptstadt von Suriname, absegeln.
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