Südatlantik · 16. Mai 2026
Feuerland – am Ende der Welt
Die Busfahrt von Puerto Natales nach Punta Arenas ist wieder kalt aber abwechslungsreich. Eine Herde mit tausenden Schafen trabt gemütlich über die Hauptstraße und nimmt sich einfach die Vorfahrt. Sie wechseln die Straßenseiten nach Bedarf und verfügbaren Grashalmen. Punta Arenas liegt direkt an der Magellanstraße. Die Stadt hat nicht viele Sehenswürdigkeiten. Eine Art Heimatmuseum deckt alles von Flora, Fauna, indigener Bevölkerung und Kolonialisierung ab, inklusive Erdölförderung. Der Friedhof lädt zu einem kurzen Spaziergang ein, ist aber nicht so imposant wie jener in Buenos Aires. Der Höhepunkt für uns ist das maritime Museum. Dort steht die Nao Victoria, der Nachbau des Schiffs von Magellan in Originalgröße. Unglaublich, was die Mannschaft damals geschafft hat. Nicht nur die Entdeckung der Magellanstraße, sondern auch die erste Weltumsegelung 1519 bis 1522. Nicht so bekannt, aber ebenso beeindruckend ist das Rettungsboot von Sir Shackleton, gerade sieben Meter lang, provisorisch mit Deck und Segel ausgestattet. Damit gelang einem Teil der Mannschaft der im antarktischen Eis zerquetschten Endurance unter haarsträubenden winterlichen Sturm-Bedingungen eine 800 Meilen lange Fahrt in 16 Tagen nach Südgeorgien. Das ermöglichte es, für den verbleibenden Teil der in der Antarktis kampierenden Mannschaft Rettung zu organisieren. Auch der Nachbau der Beagle ist in Originalgröße zu sehen. Auf der Beagle reiste 1832 unter anderen Charles Darwin, um Fin del Mundo (das Ende der Welt) zu erforschen – mit dem sehr jungen Kapitän Fitzroy, der wegen des tragischen Suizids des eigentlichen Kapitäns das Kommando übertragen bekam. Auch Fitzroy verübte Jahre später Selbstmord.














Jetzt kommt eine weitere spannenden Reiseetappe auf uns zu. In Punta Arenas gehen wir auf eine Fähre, die direkt bis Puerto Williams nahe ans Kap Hoorn fährt. Puerto Williams ist die südlichste Stadt der Welt. Mit dem Flugzeug erreicht man die Stadt in 40 Minuten, mit der Fähre brauchen wir 30 Stunden. Dafür ist die Fahrt spektakulär. Bei sonnigem Wetter und ruhiger See geht es durch die Magellanstraße und über den Beagle-Kanal nach Puerto Williams. Die Sonne kommt auch zu Mittag kaum noch hoch und scheint nur am nördlichen Horizont. Es fühlt sich an wie zehn Stunden Sonnenuntergang pro Tag. Bei spektakulärer Kulisse mit ins Meer kalbenden Gletschern, hohen schneebedeckten Gipfeln, schwarzen Felsen, Robben, Seevögeln und unwirklichen Farbenspielen am Himmel schiebt sich die Fähre durch die patagonischen Kanäle. An Deck hält man es wegen der niedrigen Temperaturen trotz Sonnenschein nicht lange aus. Das Meer ist fast spiegelglatt. Und das über unsere ganze Aufenthaltsdauer in Feuerland hinweg. Die Einheimischen behaupten, es sei um diese Jahreszeit immer so. Ein Besuch des Jachtclubs in Puerto Williams ist für uns Pflicht und der Kommodore führt uns durch die Räumlichkeiten. Als Steg für die Segelboote dient ein alter rostiger Dampfer.
Die Tourismussaison ist bereits vorbei, daher fahren von Puerto Williams keine Fähren mehr nach Ushuaia in Argentinien, das nur wenige Meilen auf der anderen Seite des Beagle-Kanals liegt. Mitsegelgelegenheit von Puerto Williams aus gibt es leider derzeit auch keine. Mit uns kommt auch eine Studiengruppe an, die allgemein an ökologischem Tourismus arbeitet. Dafür sind die Ökologie-Experten durch ganz Chile geflogen und gefahren, um am entlegensten Winkel der Welt einen Kongress abzuhalten. Ein seltsamer Ansatz.
In der winzigen Stadt Puerto Williams gibt es praktisch keine Zimmer mehr, die meisten Hotels befinden sich schon im Winterschlaf. Daher gibt es für uns nur noch eine buchbare Unterkunft, das Jemmy Button Hostel.



















Jemmy Button ist eine historische Figur, ein indigenes Kind, welches angeblich im 19. Jahrhundert für den Gegenwert eines Knopfes von den Eltern weg nach England gebracht wurde. Dort wurde Jemmy britisch sozialisiert. Bei der nächsten Expedition mit der Beagle wurde er wieder nach Feuerland gebracht und hat dort sofort wieder seine traditionelle Lebensweise angenommen. Das Hostel Jemmy Button ist teuer und spartanisch, aber sehr familiär. Den Aufenthaltsraum teilt man sich mit der Eigentümer-Familie und das Frühstück macht man sich selbst. Die einzige Heizung in diesem Raum ist ein Holzofen, in dem täglich einige Scheite in Rauch aufgehen. Unser Zimmer hat einen Gasofen, steht man davor ist es heiß, zwei Meter daneben ist es kalt. Die Fenster sind dünn. Die Tür hat weder Isolierung oder Schloss, noch Schließmechanismus. Sie bleibt nur zu, indem sie klemmt. Alle Türen bleiben unverschlossen und in allen Cafés und Restaurants bleiben wir dick eingemümmelt. Hier gäbe es ein weites Feld für Dämm-Maßnahmen aller Art. Für die Menschen am Ende der Welt gibt es offenbar weder Kälteempfinden noch Diebstahl. Die Natur ist auch auf 54° Süd wunderschön: Wälder, Wiesen, Flüsse, Berge, Meer – alles in ein seltsam verträumtes Licht getaucht. Wir befürchten, dass unsere zukünftigen Wanderurlaube, gemessen an Patagonien und Feuerland immer enttäuschend ausfallen werden. Den Rückweg in die Zivilisation treten wir mit dem Flugzeug über Punta Arenas nach Santiago de Chile an. Dort tauschen wir dann Bergschuhe gegen Turnschuhe und Ölzeug gegen eine leichte Jacke. Endlich wieder wärmer.
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