Samoa zu Lande

Der örtliche Segelmacher bestätigt uns, dass unser gerissener Gennaker zu spröde ist, um ihn zu reparieren. Ein neues Segel könnte er erst in vier bis sechs Wochen anfertigen, weil das Material nicht lagernd ist. Somit müssen wir ohne Gennaker weiter segeln. 

Zunächst erkunden wir aber die Hauptstadt Apia, die keinen Preis für besondere Schönheit gewinnt. Die große Kathedrale wurde vor wenigen Jahren wiederaufgebaut nachdem sie 2019 durch ein Erdbeben zerstört wurde. Es gibt wenige historische Häuser, aber die Einwohner machen alles wieder wett. Wir werden von Menschen angesprochen, die sich für uns interessieren. Man merkt, dass sich die Einwohner nach Jahren der Isolation über neue Gesichter freuen. Wir finden auch das ein oder andere Kleinod, zum Beispiel das Café Milani. Die Chefin stammt aus Treviso und trinkt entsprechend gerne italienischen Kaffee und Prosecco. Wir plaudern ein wenig über die Heimat und genießen hervorragenden italienischen Kaffee der importierten Original-Kaffeemaschine.  

Ein absolutes Muss ist ein Besuch der Aggie Grey´s Bar. Dort sind schon Gary Cooper und Marlon Brando ein- und ausgegangen. Die Bar befindet sich im Sheraton Hotel. Also gehen wir hinein. Das Hotel ist wegen Renovierungsarbeiten seit fast 3 Jahren geschlossen und soll im kommenden Jahr wiedereröffnet werden. Die Rezeptionistin bietet uns allerdings einen Rundgang durch das Hotel an. Für sie eine willkommene Abwechslung und für uns eine schöne Überraschung, durch das ehrwürdige Haus geführt zu werden.

Zu Beginn der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen der Unabhängigkeit besuchen wir das Festivalgelände. Man kann beim traditionellen Tätowieren zusehen. Die Tinte wird händisch mit einem kleinen Rechen ins Fleisch gehämmert, wobei der Tätowierer rasch mit einem Stäbchen auf den Rechen klopft. Drei Männer halten den zu Tätowierenden fest, der fast unbekleidet im Schatten liegt. Die Gesichter werden versteckt – es scheint weh zu tun. 

Barbecue-Teller gibt es in Portionen, die man alleine kaum aufessen kann. Am Tisch werden wir wieder angesprochen. Eine sympathische junge Frau erzählt von ihrer Familie. Sie hat mit 14 Jahren geheiratet, mit 17 das erste ihrer 6 Kinder bekommen. Ihr Mann sitzt nicht weit entfernt und sie deutet in die Richtung und meint, „der Fette“ sei ihrer. Früher habe er nicht so ausgesehen. Das sagt sie völlig wertfrei. 

Da der Showteil des Abends bald beginnt, gehen wir zum Festplatz. Dort sind viele verschiedene Gruppen in Festtracht zu sehen, die meisten recht jung. Neben Kerstin sitzt eine Frau mit 11 Kindern im Alter von 4 bis 24 Jahren. Zwanglos kommt man hier überall ins Gespräch. Die meisten der Kinder sind in der Tanzgruppe, die später auftreten wird. Sie erklärt uns, dass 7 Dörfer heute gegeneinander antreten mit Tanz und Gesang. Es ist ähnlich wie Heiva auf Tahiti, aber die Tracht ist deutlich züchtiger. Die Gruppen sind etwas kleiner. Auch sind die Bewegungen langsamer. Das tut der Schönheit der Tänze und Gesänge allerdings keinen Abbruch. Besonders die Chorgesänge der Tänzer sind beachtlich. Auf unserer Liste steht auch ein sogenannter Fia Fia Abend. Das sind Feuertänze, die hier eng mit der Kultur verknüpft sind. Nikolaus von der Leni ist mittlerweile eingetroffen und wird von uns gleich mitgenommen. Das Abendessen ist wirklich gut. Es wird in Blättern serviert und ist mit Schweinespeck, Fisch, Salat und Gemüse bestückt. Die Show wird hauptsächlich von Jungen und Mädchen bestritten, die geschickt mit Feuer jonglieren. Dabei handelt es sich um ein Sozialprojekt bei dem Kinder von der Straße jonglieren lernen und so ihre Energie mit einer sinnvollen Aufgabe gut kanalisieren können.

Am nächsten Tag fährt uns August, ein samoanischer Taxifahrer mit deutschen Verwandten, über die Insel Upolu, wo auch Apia liegt. Zunächst geht es gen Osten nach Piula zu einem Süßwasserpool. Dort wird wir das erste Mal für den Besuch von Naturattraktionen kassiert. Der Ordensbruder des nahe gelegenen theologischen College hält wie alle anderen in Folge die Hand auf. Die Wege zu den Sehenswürdigkeiten sind schön hergerichtet. Der Falefa Wasserfall ist einer von vielen auf der regenbewaldeten Insel. Da es täglich regnet, kommt bei den Wasserfällen auch wirklich Wasser. Wenn man in Mitteleuropa Wasserfälle gesehen hat, sind diese hier nicht spektakulär aber schön. 

Unser nächster Stopp ist dafür umso spektakulärer. Der To Sua Ocean Trench ist eine Natur-Attraktion im Süden der Insel mit felsig zerklüfteter Küste. Die durch Vulkane geformten senkrechten großen tiefen Löcher sind unterirdisch mit dem Meer verbunden und man kann über eine Leiter hinabsteigen und darin schwimmen. Im Wasser wird man durch die Wellenbewegungen sanft hin- und hergetrieben. Wir würden am liebsten länger bleiben aber die Tour geht weiter und August wartet auf uns. 

Hungrig sucht August ein Resort mit Restaurant aus und wir laden ihn zum Essen ein. Er erzählt von seiner Familie. Er hat 12 Kinder und hätte eigentlich noch gerne mehr. Mit seinem Gehalt als Taxifahrer ist das Leben eher bescheiden und zu Essen gibt es meistens das was im Garten selbst angebaut wird. Ein fixer Nahrungsbestandteil ist hier das Wurzelgemüse „Taro“. Die Familie ist das Wichtigste. Auf dem Weg zurück kommen wir am 100 Meter hohen Papapapaitai-Wasserfall vorbei, den man von der Straße aus sehen soll. Die Aussichtsplattform ist leider überwachsen. So können wir nur den jungen Australier nach dem Aussehen des Wasserfalls befragen, der das Gebiet mit seiner Hightech-Drohne überfliegt. 

Unser letztes Ziel ist der Baha´i-Tempel. Er ist der einzige Tempel des Bahaismus in Ozeanien. Wir haben vor einiger Zeit den Tempel in Haifa in Israel besucht und auch das Grab des Gründers. Die im 19. Jahrhundert im Iran gegründete Religion ehrt Gott in allen Religionen, propagiert Freundschaft und Eintracht. Eine interessante Religion mit einem Tempel samt Gartenanlage auf einem Hügel, der allen Menschen offensteht. 

Etwas irritiert sind wir von tausenden Flaggen, die an allen Straßen und besonders in den Ortschaften aufgestellt sind. Nationalflaggen und auch welche der eigenen Gemeinde stehen dicht an dicht. Verglichen mit Samoa ist die Anzahl der Flaggen am Unabhängigkeitstag in den USA lächerlich gering. Die Straßenränder sind hier von Unkraut befreit, Flaggenstöcke werden zum Teil sogar einbetoniert. Dazu gibt es Blumenstöcke in bemalten Autoreifen und bemalte Kokosnüsse. 

Die Häuser der Einwohner heißen Fales und bestehen meist aus mehreren Terrassen, die mit Dächern auf Säulen beschattet sind. Es gibt keine Wände, sondern vorhangartige Rolläden zwischen den Säulen, die tagsüber komplett offenstehen, was die Behausungen sehr luftig macht. Eine Terrasse stellt das Schlafzimmer der gesamten Familie dar. In diesen Schlafhütten liegt man auf Bastmatten. Ebenso gibt es eine separate Terrasse, die das Wohnzimmer für die Familie darstellt und so weiter. Zwischen den „Zimmern“ geht man im Freien. 

Nachdem man zum Ausklarieren aus Samoa wieder nach Apia zurückfahren muss, klingt ein Segeltörn zur Nachbarinsel Savaii im Westen nicht sehr verlockend. Es gibt nicht viele Ankerplätze und man müsste gegen den Wind retour fahren. Deshalb beschließen wir kurzerhand, Savaii mit Fähre und Leihauto zu besuchen. Nick schließt sich uns an und wir werden von August früh morgens zum Fährterminal gebracht. In Savaii angelangt holen wir das winzige Leihauto und düsen los. Der erste Stopp sind Wasserfälle, die in Kaskaden über mehrere Stufen ins Tal rauschen. Wir schwimmen im klaren frischen Wasser. Das Wasser fließt nicht nur über die Wasserfälle, sondern vielmehr überall einfach durchs Gras und Gebüsch in die Pools was wunderschön anzusehen ist. Weiter geht es zu den Alofaaga Blowholes im Süden der Insel. Die Brandung wird durch waagerechte schmale Kanäle im Lavagestein nach oben umgeleitet und erzeugt dabei je nach Welle einen senkrechten natürlichen Springbrunnen. Beeindruckend ist dabei nicht nur die Höhe der Wassersäule, sondern auch die Soundkulisse, die an einen vorbei donnernden Güterzug erinnert. Die weißen palmengesäumten Bilderbuchstrände auf der Westspitze dürfen auf unserer Rundreise genau so wenig fehlen wie die weitgehend unerforschten Lavahöhlen im Norden. Ein britisches Forscherteam hat kein Ende des Lavahöhlensystems gefunden und möchte Ende dieses Jahres einen weiteren Versuch starten um noch weiter in die Höhlen einzudringen. Mit einem Führer dürfen wir ein gutes Stück in die Höhlen spazieren. Interessant sind die Vögel, die tief in den Höhlen nisten und sich durch das Echo ihrer eigenen klickartigen Laute ähnlich wie Fledermäuse in der Dunkelheit orientieren. Charles Darwin hätte seine wahre Freude an diesen mutierten Vögeln. Ebenfalls wunderschön sind die fluoreszierenden Moose, die das Licht unserer Lampen im Inneren der Höhle reflektieren. Eine vor mehr als 100 Jahren mit Lava durchflutete Kirche bildet einen abschließenden Höhepunkt unserer Savaii-Rundreise. Zur Kirche werden wir von einem kleinen Mädchen geführt, das uns die Nachbarhunde vom Leib hält und erzählt, dass sie sehr gerne zur Schule geht. Mit der Fähre geht es zurück nach Upolu. Ein glücklicher Zufall beschert uns eine Autofahrt mit einem gebürtigen Samoaner, der nach Australien ausgewandert ist und diese Woche in Upolu heiratet. Viele Samoaner haben Familienmitglieder in Neuseeland und Australien, die dort temporär als Erntearbeiter oder im Service eingesetzt werden oder auswandern und immer wieder gerne zurück nach Samoa auf Besuch kommen. 

Wir werden von einer netten Redakteurin eines lokalen Magazins wegen eines Interviews kontaktiert, das wir natürlich gerne geben. Man ist bemüht, den Tourismus nach der langen Corona-Auszeit wieder in Gang zu bringen. Wir sind eine der ersten Bootscrews, die seit Ende der Reisesperre ankommt und entsprechend interessant ist das Thema auch für die Leser und für den lokalen Tourismus. 

Zur Weiterfahrt gehen wir noch einmal einkaufen. Es gibt einen großen Bauernmarkt mit Gemüse, Obst und Handarbeiten. Auf dem Fischmarkt erstehen wir noch einen Fisch und trinken einen letzten Cappuccino im Milani. 

Ausklariert wird zuerst im Regierungsgebäude bei der Abteilung für Immigration, dann bei der Hafenbehörde und zu guter Letzt beim Zoll. Der Hafenkapitän heißt Captain Faa Mausili. Klingt niedlich, ist aber vermutlich kein deutscher Kosename. Hier gibt es ein bemerkenswertes Feld im Formular der Immigration, das wir in kaum einem anderen Land zuvor gefunden haben, nämlich das Feld „Verbesserungsvorschläge“. Wir hoffen, dass es ausgewertet wird und verabschieden uns dankbar und schweren Herzens vom freundlichen Samoa. 

Jetzt geht es weiter in die von Frankreich verwalteten Königreiche Wallis und Futuna. Ob wir wohl eine Audienz bei einer seiner Majestäten bekommen können? Einen König persönlich kennenzulernen wäre auf jeden Fall eine Premiere für uns.

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