Unser erstes Atoll in den Tuamotus – ein Südseetraum

Jetzt wird es spannend. Man kann bücherweise lesen, Tabellen studieren, Internet und andere Segler befragen, wann und wie man durch einen Pass ins Atoll fährt. Durch die Tidenbewegung gibt es in den schmalen Durchlässen eines Atolls immer besonders viel Strömung, die einem Schiff zum Verhängnis werden kann. Eine nicht unerhebliche Zahl von Wracks bezeugt das. Die Informationsquellen bezüglich der Strömung widersprechen sich. Wir planen die Durchfahrt jedenfalls zur Slacktide, das ist die Zeit, wo die Strömung schwach ist beziehungsweise kurz zum Stillstand kommt. Der Wind ist auch nicht zu stark. Daher segeln wir so, dass wir zur Slacktide mit Sonne von oben, sprich zu Mittag hineinfahren können. Schließlich braucht man trotz aller theoretischer Informationen immer jemanden, der vorne steht und das Wasser nach Untiefen und Korallenköpfen absucht. 

Die Strömung kann man an den Instrumenten ablesen. Die Schiffsgeschwindigkeit wird sowohl über die Geschwindigkeit durchs Wasser mit einem Schaufelrädchen am Rumpf gemessen als auch über Grund mittels Satellitenortung. Die Differenz aus den beiden Werten ist die Strömung. Wie der Zufall will, geht unterwegs die Logge – das kleine Schaufelrädchen kaputt. Wie gut, dass wir den Ersatz gleich zur Hand haben. Da wir rechtzeitig unterwegs sind, wird natürlich gleich repariert. Martin hat darin mittlerweile so viel Übung, dass fast kein Wasser ins Schiff kommt. Die Logge ist unten im Rumpf eingebaut und beim Entfernen der alten Logge sprudelt sofort Wasser ins Boot. Auch basteln wir wie empfohlen ein Leinensystem über das wir Fender und Bojen zur Ankerkette bringen, die bei unserem Schiff leider schwer erreichbar ist. Ziel ist es, dass die Ankerkette in regelmäßigen Abständen mit Hilfe von Fendern vom Meeresgrund angehoben wird, damit die Korallen nicht beschädigt werden und sich die Kette in den Korallen nicht verfangen kann.

Gut vorbereitet stehen wir vor der Passeinfahrt von Raroia, unserem ersten Südsee-Atoll. Das Bild, dass sich uns zeigt, scheint mit den Prognosen nichts am Hut zu haben. Das Wasser strömt mit ziemlichem Schwung aus dem Pass obwohl eigentlich keine Strömung sein sollte. Außerhalb des Passes brodelt es, Wellen bauen sich auf. Also warten wir. Wenn man mit dem Boot Richtung Pass fährt und sich dann treiben lässt, wird man zügig zurückgeschoben. Vermutlich ist das noch das genaueste Indiz für die Strömung. Nach einer Stunde treiben und warten wagen wir es. Mit zwei Motoren können wir im Zweifelsfall umkehren oder ausreichend Gas geben, dass wir bei 6 Knoten Strömung gegen uns noch Fahrt über Grund machen. Dabei begrüßt uns als erstes ein Delfin, der in der Strömung lustig vor dem Schiff hin und her springt. Wir fahren exakt den empfohlenen Weg laut elektronischer Seekarte, da wir gelesen haben, dass die Karte mit der Realität zusammenstimmt. Das ist in diesem Teil der Welt nicht selbstverständlich. Deshalb postiert sich Kerstin trotzdem am Rumpf um frühzeitig Untiefen zu erkennen.

Mit 1,9 Knoten Fahrt über Grund fahren wir gegen ca. 5 Knoten Strömung rein. Dabei werden wir von Zeit zu Zeit tüchtig versetzt so dass wir die gesamte Breite der Einfahrt brauchen. Nach einigen Adrenalinstößen sind wir drinnen und fahren direkt den gut betonnten Weg zum Ankerplatz beim einzigen Dorf Ngarumoa. Nun kommt unser erstes Ankern mit an Fendern aufgehobener Ankerkette. Zunächst muss man den Anker ganz normal ausbringen, einfahren, damit er sicher hält. Dann muss die Kette wieder ein Stück aufgeholt werden, damit man die Fender daran befestigen kann. Beim erstmaligen Aufholen der Kette haben wir den Anker leider gleich wieder ausgegraben. Ja, die Ankerplätze sind hier relativ tief – so um die 15 Meter. Also noch einmal von vorn. Anker einfahren, die Kette nicht soweit aufholen und eine Boje an der Kette befestigt. Kette zehn Meter fieren. Als nächstes kommen noch zwei kleine Fender und der Hahnepot zum Entlasten der Ankerwinsch, fertig. Beim Schnorcheln zum Anker ist die Sicht nicht besonders gut. Den ersten Fender sehen wir durch den Druck des Wassers zusammengequetscht, weiter kann man nicht sehen. Der Anker hält und wir hoffen, dass die Kette schwebt wie geplant.

Als erstes erkunden wir das Dorf. Am Steg gibt es gleich einen guten und geschützten Platz für unsere Mitzi. Ein paar Einheimische begrüßen uns freundlich. Natürlich fragen wir gleich nach Internet und einem Lokal. Eine nette Dame mit Elektrodreirad samt großem Einkaufskorb begleitet uns, um uns das wichtigste zu zeigen. Dort links gehe es zur Post. Da gäbe es WiFi, aber nicht immer. Unsere Simkarte ist hier nutzlos. Jetzt sei die Post aber geschlossen. Ein Lokal gibt es nicht, aber sie bringt uns zu dem einzigen winzigen Laden im Ort. Davor ist ein kleiner Platz mit einer Überdachung, welcher den Stammtisch ersetzt. Man kauft beim Laden das kalte Bier und trinkt es vor der Tür. Im Geschäft gibt es noch 10 Orangen und ein paar Knoblauchzehen, damit sind die frischen Lebensmittel erschöpft. Käse und Fleisch sind seit Monaten aus. Dies wird nur mit dem Versorgungsschiff gebracht und das war seit ein paar Monaten nicht mehr da. Luftfracht sei eindeutig zu teuer. Interessanterweise gibt es aber große Mengen Bier in Pfandflaschen, es gibt also logistische Lösungen wenn es Handelsgut nur wichtig genug ist. Der Ladenbesitzer Gerard erklärt uns, dass er eigentlich kein gekühltes Bier verkaufen darf, damit die Leute es nicht gleich auf der Straße trinken. Das sei verboten. Am Tag vor den französischen Präsidentschaftswahlen ist der Verkauf von Alkohol grundsätzlich verboten. 

Mit unserem gekauften Bier setzen wir uns zu den Einheimischen und kommen auch gleich ins Gespräch. Ein Mann fragt uns, ob wir Segler sind und will wissen, wie das Wetter am kommenden Tag wird. Hier gäbe es nur das Wetter aus dem Fernsehen und das sei immer falsch.  Wir fragen, ob wir einen Fisch kaufen können. Nein, sagt Gerard, holt aber gleich einen Fischer zu sich. Ihn können wir fragen. Kali kommt nach seinem Einkauf gleich zu uns. Er erzählt, dass andere Segler in der Bucht heute Abend zu ihm nachhause zum Barbecue kommen, wir könnten uns gerne anschließen. Das machen wir natürlich und lernen damit auch seine Familie kennen. Die Nichte hat gerade Osterferien. Da sie älter als zehn ist, wird sie in der Bezirkshauptstadt Makemo unterrichtet. Dort bleibt sie wie alle anderen Kinder auch für zirka 3 Monate bis zu den nächsten Ferien. Besuch von den Eltern gibt es nicht. Es ist zu weit weg und zu teuer, dorthin zu fliegen. Da es in Frankreich Schulpflicht gibt und damit die Kinder hier auch zur Schule müssen, werden Flug und Unterkunft von Frankreich finanziert. Ein Studium am Festland von Frankreich ist ebenso möglich. Der Sohn ist noch jung genug um auf der Insel vom einzigen Lehrer unterrichtet zu werden. Er tobt ausgelassen mit den zirka 12 Katzen und 5 Hunden herum. Die Hausherrin Brigitte ist liebenswürdig und kocht für alle auf. Wir bekommen ganz nach Tradition jeder einen Blumenkranz zum Umhängen. Die anderen Segler sind aus Frankreich und damit wird am Tisch französisch gesprochen. Für uns eine gute Gelegenheit unsere eingerosteten Kenntnisse wieder in Schwung zu bringen. Kali baut neben seiner Tätigkeit als Fischer noch Holzboote, zwei angefangene stehen im Garten. Holz bekommt er aus Tahiti. Hier gäbe es zwar auch welches, aber leider keine Säge und kein Transportmittel. Die nächste Lieferung von Holz und Leim wird schon sehnlichst erwartet. Leim ist hier schweineteuer.

Wie üblich, gibt es gegrillten Fisch zu essen sowie Sashimi und Poisson cru, in Ermangelung von Gemüse mit Papaya und Blüten zubereitet, Soßen und Reis. Zu trinken gibt es Wasser, alles andere sollte man selber mitbringen. Es wird ein schöner Abend und Kali verspricht Martin mit ihm speerfischen zu fahren. Tatsächlich kommt er nächsten Tag sogar vor dem vereinbarten Zeitpunkt zu uns mit einem von ihm gebauten Boot, das allerdings einem Verwandten gehört. Daher müsse er das Boot zu Mittag wieder zurückbringen. Sie machen sich gleich auf den Weg zu einem kleinen Riff. Dort harpunieren sie vier Doktorfische und zwei Papageienfische. Die beiden Papageienfische nimmt Kali mit nachhause, da er erst überprüfen muss, ob sie Ciguatera, ein Nervengift, in ihrem Körper haben. Das kann zu schweren Nervenschäden bis hin zum Tod bei Menschen führen. Daher gibt es zuhause die Katzen als Vorkoster. Wenn sie einen kleinen Happen Fisch bekommen und am nächsten Tag putzmunter sind, kann man den Fisch bedenkenlos essen. Im anderen Fall geht es der betreffenden Katzen für zwei Wochen schlecht, was Brigitte so gar nicht mag. Aber wenigstens erholen sich die Katzen wieder vollständig. 


Harpunenfischen im Atoll

Zu Mittag stößt Swiss Lady zu uns. Sie sind etwas später losgesegelt und haben auf den nächsten guten Zeitpunkt für die Passage durch den Pass abgewartet. Von uns vorgewarnt, gehen sie später durch den Pass, aber auch sie haben noch 2 Knoten Strömung gegen sich gehabt. Das mit den richtigen Angaben zur Slacktide haben wir noch nicht herausgefunden. Claude und Theres fahren auch erst einmal ins Dorf, nachdem sie von uns die ersten Informationen bekommen haben. Für den Abend laden wir sie zum Doktorfisch-Essen ein. Es gibt immer etwas zu erzählen. Die beiden haben im Dorf einen anderen Fischer kennengelernt, der ihnen angeboten hat, mit uns einen Ausflug zu machen. 

Wir fahren mit einem Boot zu dem Teil des Atolls, wo Thor Heyderdahl mit seiner Kon-Tiki, einem Floß aus Balsaholz, 1947 nach einer Überfahrt aus Peru gestrandet ist. Er hat damit den Beweis angetreten, dass eine Besiedelung von Französisch-Polynesien auch von Südamerika aus möglich gewesen ist. Die Überfahrt war höchst abenteuerlich und vielfach gefährlich. Als sie endlich auf dem Riff von Raroïa aufgelaufen sind, haben sie erst einmal eine Riesenparty gefeiert. Buch und Film zu dieser Expedition sind sehr interessant.  Auf dem gesamten Atoll gibt es keine Zeitzeugen mehr, die Lebenserwartung ist nicht besonders hoch. Schließlich gibt es praktisch keine medizinische Versorgung, was besonders für die Älteren ein Problem darstellt. Daher schwindet auch die Bevölkerung. Das Dorf hat zirka 160 Einwohner, die Jungen bleiben lieber auf den größeren Inseln mit entsprechender Infrastruktur. Man stelle sich europäische Jugendliche vor, die keinen Anschluss ans Internet haben. Möglicherweise ein Grund für eine Kinderzimmermeuterei. 

Die kleine Insel ist unscheinbar, ein kleines Denkmal und eine norwegische Flagge erinnern an die Kon-Tiki. Dafür gibt es direkt am Strand einen schönen Schnorchelplatz mit Schwarzspitzenriffhaien, kleinen Rifffischen sowie im wahrsten Sinne des Wortes sehr anhänglichen Schiffshalterfischen. Diese saugen sich mit ihrem Rücken an größeren Fischen an und fahren somit gratis per Anhalter. Sie sind bezüglich ihres Transporters nicht sehr wählerisch und kommen daher sehr nahe. Während Martin die Rifffische filmt, versucht ein Schiffshalterfisch gar unter sein T-Shirt zu schwimmen. Kerstin kann ihn davon abhalten. Dafür versucht er auf ihrem Hintern zu landen. Auf der Insel sind gerade auch zwei Australier. Den jungen Mann erwischt ein Schiffshalterfisch und dockt an seinem Bauch an. Das gibt einen richtigen roten Knutschfleck. 

In der Zwischenzeit haben die beiden Reiseveranstalter zwei große Fische gegrillt, die wir mit Genuss am Strand verzehren. Zu trinken gibt es eine frische Kokosnuss. Die Fischreste werden ins Wasser geworfen, womit zu den zwei Riffhaien, die vorher schon da waren noch einige mehr dazukommen. Wir stehen im Wasser und schauen ihnen fasziniert beim Fressen zu. Die Reste holen sich die kleineren Fische, die bei dem Nahrungsangebot derzeit sicher vor den Haien sind. Ein großartiges Erlebnis. Auf dem Rückweg ist der Pass gerade schiffbar, sodass wir auch dort schnorcheln können. Im klaren Wasser sieht man bis zum Grund und es ziehen Korallen und Fische vorbei. Hier im Pass tummeln sich die größeren Kaliber. Ein riesiger Vogelschwarm fischt an der Oberfläche. Wir lassen uns vom Boot hinbringen, nur die Fische sind schneller und wir erreichen sie weder schnorchelnd noch mit dem Boot. Leider entgeht uns das gewaltige Schauspiel unter Wasser. Die Einheimischen meinen, man würde unter Wasser ohnehin nichts sehen vor lauter Gewirr und Luftblasen. Zum Abschluss schnorcheln wir nochmals im Atoll und sehen wieder jede Menge Riffhaie. Zufrieden kehren wir zurück und genießen das Abendessen gemeinsam mit der Familie des Veranstalters. Es gibt Fisch und Hühnchen. Oma kümmert sich derweil um die kleine Enkeltochter, die vergnügt in der Großfamilie aufwächst. Auf der Insel sind fast alle miteinander verwandt. Es gibt nur 1 km Straße aber doch einige wenige Autos. Diese fahren allerdings nur mit Schritttempo weil sich davor immer eine Hundemeute bildet, die begeistert auf der Straße vorauslaufen.


Haitauchen im Pass und im Atoll

Nach einer Woche in Raroia gehören wir schon fast zu den Einheimischen. Kali lädt uns und die Crew der Swiss Lady zum Abendessen an seinem 27. Geburtstag ein. Getränke und Geschenke bringen wir mit und es wird ein gelungener Geburtstag samt lustiger Teilnahme von Hund und Katz am Abendessen. Wir fühlen uns im Atoll gut aufgenommen und wollen noch gar nicht so richtig weiter aber wir möchten auch noch andere Atolle besuchen. Und so trennen wir uns schweren Herzens und brechen über Nacht zum 80 Seemeilen entfernten Makemo auf. Die Passausfahrt passieren wir nach Hochwasser am Nachmittag und die Passeinfahrt in Makemo wird ebenfalls nach Hochwasser ungefähr um 9.00 vormittags geplant. Strömungsstillstand und Hoch- beziehungsweise Niedrigwasser fallen nicht zusammen. Es bleibt spannend. Eine Passdurchfahrt ist immer etwas nervenaufreibend. Auf jeden Fall ist langsam segeln angesagt um nicht zu früh anzukommen. Das sind wir gar nicht gewohnt und wir setzen nur das Vorsegel. Noch immer zu schnell bergen wir gegen Ende auch das Vorsegel und fahren unter Top und Takel bei 20 Knoten Wind noch immer 3 Knoten schnell. Wir kommen zu früh an und liegen im dritten Reff bei. Jetzt driften wir 1,5 Knoten seitlich mit dem Wind und warten gespannt auf die Passeinfahrt. Mit uns warten noch drei andere Boote auf den günstigen Zeitpunkt.

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