Deltaville – wir sitzen auf dem Trockenen in der Chesapeake Bay

Unser Etappenziel ist bald erreicht. Wir segeln an der Ostküste der USA Richtung Norden am berüchtigten Cape Hatteras vorbei. Aus jeder Öffnung des vorgelagerten Küstenstreifens strömen bei Sonnenaufgang wieder Fischerboote hinaus aufs offene Meer. Jeder will der Schnellste sein. Bis zu 40 Knoten schnell fahren sie knapp an unserem Schiff vorbei. Die Wenigsten haben AIS. Die Begegnungen sind spannend bis unangenehm wellig. Im Dunkeln kommen wir am Eingang zur Chesapeake Bay an, vorbei an Norfolk mit Verkehrstrennungsgebieten und viel Schiffsverkehr. Der Wind schläft langsam ein und der Gennaker bringt nur mehr bedingt Vortrieb. Dafür kommen wir zur richtigen Zeit her, denn der Gezeitenstrom schiebt uns mit immerhin noch 4 Knoten Geschwindigkeit über Grund und 0 Knoten Geschwindigkeit durchs Wasser in die riesige Bucht hinweg über den Autotunnel, der hier unter dem Meer quert. Müde kommen wir an. Kurz vor dem Ziel, der schmalen Fahrrinne zum Deltaville Boatyard, sehen wir bei Niedrigwasser auf den Fahrrinnenmarkierungen Adlerhorste mit Adlern drin und sind sofort fasziniert. Bei der dadurch entstandenen kleinen navigatorischen Unaufmerksamkeit ruckelt es prompt und wir haben eine leichte Grundberührung im Schlamm. Die erste unseres Seglerlebens. Mit beherztem Rückwärtsfahren sind wir sofort wieder frei und ein winziger Teil des Antifouling hat sich damit schon mal von der Spitze eines Kiels abgeschliffen. Das erspart uns immerhin einige Sekunden Arbeit beim späteren Abschleifen. Ja die Einfahrt ist wirklich sehr schmal ausgebaggert. Zwei Yachten könnten an dieser Stelle kaum aneinander vorbeifahren. Hier haben wir das erste Mal das Gefühl, angekommen zu sein, da wir – und vor allem das Schiff – länger bleiben werden. Wir empfinden ein Gefühl der Dankbarkeit. Für die Unterstützung von zuhause und dafür, dass wir den weiten Weg gesund und ohne gröbere Probleme geschafft haben.


Segeln im Sonnenuntergang

Zunächst ankern wir vor der Marina und erkunden die Lage mit dem Dinghi. Wir sind positiv überrascht. Die Marina ist neu renoviert, die Laundry sauber und günstig. Es gibt einen Swimmingpool, einen Aufenthaltsraum, gratis Fahrräder und einen Leihwagen, den man stundenweise gratis nehmen kann, Wifi und ein neu eröffnetes Lokal am Wasser mit schöner Terrasse. Ohne das Auto wäre man hier aufgeschmissen. Zum nächsten Autoverleih fährt man eine halbe Stunde, öffentliche Verkehrsmittel, Uber oder Taxi sind Fehlanzeige. Die meisten hier im Boatyard sind sehr hilfsbereit und nachdem wir mal länger als einige Tage am gleichen Platz sind, können wir Ersatzteile bestellen, deren Lieferzeit mehrere Wochen beträgt. Auch die Heizung am Schiff hat hier wieder seine Berechtigung. Die Nächte sind noch sehr frisch und auch tagsüber gibt es starke Gewitter.

Die Krananlage zum Rausheben von Infinity schaut verdächtig schmal aus, sodass wir vorsichtshalber selber noch einmal nachmessen, ob wir da reinpassen. Unser Anker ist derart fest eingefahren, dass er buchstäblich einbetoniert ist. Wir müssen mit ziemlich vielen Umdrehungen über den Anker hinwegfahren um ihn wieder frei zu bekommen, denn unsere 1.500 Watt Ankerwinsch schafft das nicht allein. Diesen Schlamm könnte man wahrscheinlich als Zement problemlos zum Hausbau verwenden. Mit einer kleinen Verspätung wird Infinity aus dem Wasser gehievt. Eine gewisse Erleichterung macht sich bei uns breit, da wir die Verantwortung für unser sonst schwimmendes Zuhause nun einmal der festen amerikanischen Erde überantworten dürfen. „On the hard“ wie die Amerikaner sagen. 

Unser Rumpf hat in den letzten Wochen Seepocken bekommen, klein und hartnäckig überall verteilt. Mit dem Hochdruckreiniger lassen sie sich einigermaßen problemlos entfernen, aber es werden vom Boatyard-Personal nicht alle entfernt mit der Begründung, dass sie dafür keine Zeit hätten und die Dinger von alleine herunterfallen, wenn sie erst mal trocken sind. So ganz stimmt das nicht. Runterschleifen und Kratzen mit Muskelkraft sollten die Mittel der Wahl werden. Sobald wir unsere Parkposition erreicht haben, beginnen wir mit der Arbeit. Infinity steht sehr nahe an den Bäumen hinter uns, wo es sumpfartigen Boden gibt. Unser Boot ist einige hundert Meter weit weg von den sanitären Anlagen, sodass man allein durch die täglichen Verdauungsspaziergänge etwas für seine Fitness tut. Ein Schiff an Land hat halt keine Meerwasser-Toilettenspülung.

Jetzt werden die von Martin anvisierten 200 Punkte für die Wartungsarbeiten der Wochen-, Monats-, Vierteljahres-, Jahres- und Mehrjahres-Listen abgearbeitet. Irgendwie haben wir die Zeit bei den größeren Projekten etwas zu knapp kalkuliert, auch unsere eigene Fitness. Jeden Tag tut ein anderer Körperteil bei uns ein bisschen mehr weh als am Vortag. Das Abschleifen der Rümpfe ist keine besonders angenehme Arbeit. Martin fragt, warum wir eigentlich nochmals segeln wollten. Gerade auf dem Trockenen hat ein Boot so gar keinen Vorteil. 

Die Auswahl des Antifouling-Anstrichs beschäftigt uns seit einigen Wochen. Hart oder ablativ? Kompatibilität mit dem alten Anstrich? Aufwand zur Vorbereitung des alten Anstrichs, damit der neue darauf hält? Zu befahrendes Seegebiet? Bleibt das Boot länger auf dem Trockenen? Wird das Boot im Wasser viel oder wenig bewegt? Alles spielt eine Rolle. Viele Segler, Verkäufer und Experten, die wir fragen setzen auf ein anderes Produkt. Es gibt wenig belastbare Informationen und vieles ist subjektiv. Immerhin finden wir Vergleichstests im Internet, die die Leistungsfähigkeit der Anstriche im Wasser für 8 bis 24 Monaten an bestimmten Orten gemessen haben. Da sich die meisten Produkte wegen gesetzlicher Vorgaben und Verbesserungen der Zusammensetzung beinahe jährlich ändern, ist es schwierig, die Ergebnisse von früher auf die derzeitig verfügbaren Produkte zu projizieren. Wir finden aber eine Grundtendenz, dass die Leistungsfähigkeit der meisten Anstriche mit dem Kupfergehalt und einigen Chemikalien zusammenhängt. Martin startet über zwei einschlägige Facebook Foren Online-Umfragen. Innerhalb weniger Stunden kommen circa 25 Votes. Diese verteilen sich annähernd gleich auf erstens Copper-Coat, zweitens harten und drittens ablativen Antifoulings. Die Vorbereitung des Untergrunds für Copper-Coat ist uns zu aufwändig. Wir müssten alles bis auf den Primer abschleifen und Copper-Coat in einem speziellen Modus in vier Lagen auftragen. Ein hartes Antifouling hatten wir bisher. Da sind wir beim Schrubben unter Wasser immer ziemlich aus der Puste geraten. Also werden wir dieses Mal vier Schichten eines ablativen – also sich selbst durch die Reibung im Wasser abtragenden – Anstrichs mit hohem Kupfergehalt eine Chance geben und hoffen, dass wir damit 24 Monate auskommen. 

Während Martin Rigger und Segelmacher organisiert und sich Motor, Getriebe, Saildrives, Ankerwinsch, Gasanlage, Wasserpumpen, Seeventilen und Elektronik widmet, kümmert Kerstin sich um Mitzi, unserem geschundenen Beiboot. Erst werden mit Epoxidharz die Löcher gestopft und an einigen Stellen zusätzliches Laminat in Form von Glasfasermatten aufgebracht. Nach dem Aushärten braucht es beim Abschleifen wieder Geduld und Spucke. Dann wird Mitzi mit Lack und einem Frühjahrsputz wieder auf Vordermann gebracht. Der Rumpf von Infinity möchte an der Grenze zum Antifouling noch gereinigt und gewachst werden. Einige Stellen am Gelcoat müssen ausgebessert werden. Um die Propeller abzubekommen, braucht es zusätzliches Werkzeug und eine Werkbank. Zudem ist es unter dem Schiff immer nass vom Putzen und dem fast täglichen Regen. Unsere Gummistiefel kommen endlich zum Einsatz. Kerstin schaut meistens so aus, als hätte sie sich im Schlamm gesuhlt. Wir freunden uns langsam mit dem Erdferkel-Dasein an. Den Swimming Pool der Marina nutzen wir nur einmal für wenige Stunden. Dafür ist Infinity nach 2 Wochen pausenlosem Schuften wieder besser als neu. 

Die Online Aufladung unserer Prepaid-Sim-Karten klappt nicht, weil wir keine amerikanische Postleitzahl haben. Das führt dazu, dass wir 2 Stunden mit dem Auto unterwegs sind um für den nächsten Monat die Rechnung zahlen zu dürfen. Um einen fixen Telefonvertrag zu bekommen, braucht man eine amerikanische Kreditkarte, die man allerdings nicht ohne amerikanische Sozialversicherungsnummer kriegt. Das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ zeigt hier seine Grenzen. 

Eine Freude ist das Wiedersehen mit Matthias, einem ehemaligen Studienkollegen von Kerstin, der in die USA ausgewandert ist und jetzt in Norfolk in einer Kinderklinik arbeitet. Er ist überrascht, von uns zu hören. Wir haben ihn im Internet gesucht und herausgefunden, dass er zufällig nur zwei Autostunden von uns entfernt wohnt. Ganz wie ein echter Amerikaner kommt er schnell mal mit dem Auto vorbei. Alles unter 8 Stunden Autofahrt ist hier Kurzstrecke. In Österreich wäre man dabei außerhalb der Landesgrenzen. Wir plaudern als ob die 25 Jahre, die seit dem letzten Treffen vergangen sind, nicht existiert hätten. Deutsch sprechen ist auch mal wieder schön und Anekdoten von früher auszutauschen ist lustig und zeigt, dass wir doch älter geworden sind. 

Die Begegnungen mit anderen Seglern sind wie immer toll, und der Austausch ist interessant und lustig. Johan von nebenan kommt aus Schweden, lebte länger in den USA und cruist seit 7 Jahren in der Karibik mit seinem Schiff. Seine Orana 44 von Fountaine Pajot macht er jetzt fit für den Verkauf denn seine Freundin ist keine begeisterte Seglerin. Auf der anderen Seite ist Mark aus Texas unser Nachbar. Er hat seine Orana 44 vor Kurzem gekauft und findet jetzt sämtliche Wartungssünden, die der Vorbesitzer verschwiegen hat. Wir sind überrascht, welche hohen Preise Katamarane älteren Baujahrs hier erzielen. Der Katamaran-Boom scheint nun auch in den USA angekommen zu sein. Lynda und Greg, ein nettes australisches Ehepaar, macht sich im Herbst auf nach Panama um dann in Richtung ihres Heimatkontinents mit der gleichen Route wie wir. Wir freuen uns darauf, einige Strecken gemeinsam segeln zu können. 

Jetzt, nach 9.000 Meilen auf dem Wasser freuen wir uns auch wieder mal auf Landurlaub. Erst geht es nach Kalifornien und danach endlich mit viel Vorfreude wieder nach Hause zu Familie und Freunden. Eine heimatliche kulinarische Wunschliste haben wir auch schon im Hinterkopf, Hamburger stehen keine drauf.


Auskranen

Einparken

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