Ein Jahr Infinity – der zweite Frühling auf See

Wie die Zeit vergeht. Ja das ist ein eigenartiges Phänomen, mit dem sich schon Einstein beschäftigt hat. Zeit für ein Resümee. Unsere Zeit ist jedenfalls sehr wechselhaft in unserer Wahrnehmung und Wirklichkeit. Jeder kennt das, wenn man im Wartezimmer vom Zahnarzt sitzt. Da will die Zeit so gar nicht vergehen. So ist auch bei uns die Wartezeit die, die am langsamsten vergeht. Angefangen mit dem Warten auf den Beginn der Reise, gefangen im noch recht kühlen Kroatien, über Warten auf Ersatzteile auf Gran Canaria bis hin zum Warten auf Corona-Tests und -Ergebnisse. Gleichzeitig vergeht die Zeit so schnell wie der Wind und das liegt vor allem an den Begegnungen mit anderen Menschen und mit der Natur. 

Unsere ersten Begegnungen in Kroatien sind die Mitarbeiter von Pitter, die uns geduldig Wartungsarbeiten erklären, vorsorglich Ersatzteile beschaffen und noch immer aus der Ferne gute Tipps geben. Der nette Mann von dem kleinen Marineladen, der zwar nicht öffnen darf, uns aber immer wieder Dinge bringt, die wir brauchen. Dank Peter Zörner und direkter Nachbarschaft am Steg lernen wir Kathja und Sven von der Ananda kennen. Ein Abend zu viert dauert da auch schon mal 10 Stunden, ist aber nach gefühlt 10 Minuten vorbei. Da wir den Lockdown in Kroatien gemeinsam verbringen, vergeht ein Teil der Zeit deutlich schneller. Die beiden wachsen uns schnell ans Herz und wir freuen uns immer wieder von ihnen zu hören und dank WhatsApp auch zu sehen. Das Internet ist in dieser Hinsicht ein Segen. Nachdem sich unsere Wege in Montenegro trennen, werden die meisten Begegnungen kürzer, da wir Gott sei Dank nicht mehr im Lockdown sind und damit schneller reisen können. In Albanien lernen wir Kim und Steve aus Australien kennen, haben viel Spaß und werden über ihre Lieblingsspeise Kingprawns aufgeklärt. Sie fangen sie selber und haben damit mehr als 1000 Tauchgänge zugebracht. Auch flüchtige Begegnungen mit Einheimischen besonders in Montenegro und Albanien hinterlassen bei uns Spuren. Wir werden überall herzlich behandelt, persönliche Dinge werden ausgetauscht. 

Die meisten Segler lernen wir wie erwartet in den Marinas kennen. Las Palmas auf Gran Canaria ist wegen des Wartens auf ein Paket etwas langatmig. Allerdings lernen wir dort unsere Stegnachbarn kennen. Guido und Gerdie aus den Niederlanden, die uns zum Holländer-Stammtisch einladen und mit uns zusammen musizieren. Ein weiterer Nachbar kommt aus Österreich. Karl ist eine Spaßkanone. Mit echtem Wiener Schmäh erzählt er uns von seinen Reisen, 80.000 Seemeilen im Kielwasser. Dabei hören wir viele Geschichten von früher. Er hat das Meer in noch deutlich besserem Zustand erlebt, die Einheimischen haben sich noch mehr über die einzelnen Segler gefreut. Auf seine unnachahmliche Art berichtet er von minderwertigen Ersatzteilen, Schwächen am Schiff und der oftmals untalentierten Art der Handwerker Dinge zu reparieren. 

Unsere ersten Gäste Anna-Maria, Rosi und Werner bringen nicht nur Abwechslung an Bord, sondern reine Lebensfreude. „Herrlich“ wird unser Lieblingswort und beschreibt von nun an die schöne Zeit mit einem Wort. Die vergeht natürlich wie im Fluge. Schön, dass wir nach wie vor in Kontakt bleiben. Wenn die Reiseeinschränkungen durch Corona mal nachlassen, freuen wir uns schon auf ein Wiedersehen. Mit ihnen gemeinsam lernen wir Bernadette und Othmar aus der Schweiz kennen. Othmar, der Segelbegeisterte, erzählt von den Segelerlebnissen und zeigt uns stolz ihren Gemini Katamaran, welcher in Europa eine Seltenheit ist. Für Zwei ist das Boot wirklich optimal, allerdings wächst die Familie und besonders Bernadette wünscht sich mehr Platz für Zeit mit ihren Enkelkindern. Den hat Othmar nun in Form einer Nautitech-Yacht nach Lanzarote gebracht. Bernadette ist eine ganz besondere Frau. Sie wirkt tiefenentspannt und in sich ruhend. Mit Schweizer Dialekt erzählt sie, dass ihre Freundinnen immer glauben, dass sie Champagner trinkend auf dem Boot sitzt. Sie erklärt ihnen aber immer wieder, dass eine solche Reise ja auch „gefäährrrlich“ ist und man manchmal sehen muss, dass man „überrläääbt“. So wie mit Othmar und ihr verbringen wir nette Abende mit Frank, unserem holländischen Nachbarn auf El Hierro in der Marina von Puerto de la Estaca.

Unverhofft kriegen wir Verstärkung für die Atlantiküberquerung. Michi, im Homeoffice-Blues und ein alter Freund aus Studienzeiten, bringt wieder frischen Wind mit an Bord. Mit Geschichten unserer gemeinsamen Freunde im Gepäck sowie Wissen und Kommunikationsfreude und selbstredend tatkräftiger Unterstützung wird die mitunter zäh verlaufende Zeit mit 19 Tagen ausschließlichem Blick auf den Atlantik kurzweilig. Wir kochen, essen, trinken, singen, plaudern und lernen dazu. Leo, Michis Sohn, hat erklärt, dass „Reggae“ immer geht, sodass Bob Marley das ein oder andere Mal aus den Lautsprechern dröhnt. Nach einem Monat geht es für ihn wieder in die Heimat. Dafür lernen wir gleich im nächsten Hafen Isabel und Peter von der Isabel III kennen. Das erste deutsche Schiff seit Montenegro. Da wir ein gemeinsames Ziel haben, nämlich die Ostküste der USA, treffen wir uns immer wieder, machen gemeinsame Ausflüge, verbringen viele schöne gemeinsame Abende mit kulinarisch mal mehr mal weniger großen Genüssen. Sollte das Essen durch den amerikanischen Einfluss fettiger und salziger werden, finden wir als Abschluss oft einen guten Cocktail in der Happy Hour. Martin und Peter tauschen sich mit den Informationen bezüglich Reiseroute, Bedingungen, Formularen, Möglichkeiten und ihre Grenzen aus, verbringen Stunden damit, die entsprechenden Informationen per Telefon, Mail und Google herauszukitzeln, was oft mit Haare Raufen und Fluchen einhergeht. Isabel und Kerstin werden davon weitgehend verschont, womit sie mehr Zeit zum Träumen und Tratschen haben. 

Aber nicht nur die Begegnungen mit anderen Menschen prägen, erstaunen und erfreuen uns. Während im Mittelmeer die Landschaft und die Kultur im Vordergrund steht, unter anderem aufgrund des fast leergefischten Meeres, kommen immer mehr Meerestiere dazu je weiter wir Richtung Atlantik kommen. Wie vermutlich jedem anderen zaubern immer wieder auftauchende Gruppen von Delfinen ein Lächeln in unser Gesicht, das gar nicht weichen will. Auf den Kanaren sehen wir unseren ersten Hammerhai, Pilotwale mit Nachwuchs, Rochen im Hafen und viele andere Fische. In der Karibik kommen dann zu vielen kleinen bunten Fischen Schildkröten hinzu, ebenso wie Barrakudas, Langusten und Thunfische. Eine besonders alte Fischart, der atlantische Tarpun, wird 2 Meter lang, ist gar nicht scheu und ein guter Speisefisch. Allerdings gilt auch hier, dass alles gefischt wird, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Wo keine Fischer zu sehen sind, besteht die Gefahr von Ciguatera, einer Vergiftung der Fische mit einem hitzebeständigen Eiweiß, welches demnach auch nicht durch Kochen zerstört wird. Das Gift wird von Raubfischen besonders angereichert, sodass insbesondere von Barrakudas abgeraten wird. Einige Inseln beziehen ihre Fische sogar aus Australien. Dort gibt es keine Rotalgen, die das Gift produzieren und von den Fischen gefressen wird. 

Je weiter wir in den Norden kommen, desto mehr finden sich Spuren von Hurrikans. Sint Maarten und die Virgin Islands zeigen ihre Spuren der Zerstörung ganz deutlich. Insbesondere die Unterwasserwelt wird Jahrzehnte brauchen um die Verwüstungen der Korallenriffe wieder halbwegs wett zu machen. Auf dem Land finden sich jede Menge Leguane, die sich sonnen. Manche lassen sich sogar füttern. Einsiedlerkrebse finden sich vor allem auf wenig genutzten Wegen sogar in höheren Lagen. Es ist immer wieder lustig anzusehen, wie sie sich in Schneckenhäusern verstecken und nicht mehr rühren. Nur die Kleinen kriegen die Gefahr nicht so schnell mit oder sind einfach Draufgänger. Nachdem sie ja im Wachstum immer größere Häuser brauchen, nehmen sie auch schon mal welche, die von Menschen bemalt worden sind, was besonders witzig ausschaut. Das mit Abstand häufigste Haustier in der Karibik ist das Huhn. Überall sind Hühner mit vielen Küken, die sich ihr Futter selber suchen. 

Auch sonst hat uns die Natur in ihrer Vielfalt fasziniert. Von alten Olivenbäumen und uralten Buchenwäldern bis hin zu tropischen Regenwäldern. Vom Fjord über Stein-, Kies- und Sandstränden in allen möglichen Buchten und Farben, die man sich so vorstellen kann. Aufgrund von Corona ist die größte Bootsdichte in den großen Häfen, vor allem Las Palmas. Dort sind die Gestrandeten, die Aussteiger, die Wartenden und die, die nicht zurück in ihre Heimat können oder wollen. In der Karibik erfreuen sich die französischen Inseln größter Beliebtheit, da dort wenige Einschränkungen herrschen und die das Segeln liebenden Franzosen ihre zweite Heimat haben. In vielen Buchten sind wir aber auch ganz alleine. Das genießen wir ganz besonders zwischen den lebhaften Städten und Orten. Für uns ist der Lockdown ein Slowdown. Vergessen wollen wir auch nicht die Inseln, Berge, Täler, Steine und Sand, entstanden durch Urgewalten wie zum Beispiel durch Vulkanausbrüche. 

Unser Lieblingselement bleibt allerdings das Wasser. Wir werden nicht müde, die verschiedenen Farben zu bestaunen, den Wellen zuzuhören und die verschiedenen Gerüche in uns aufzunehmen. Dazu bringen Wind und Sonne uns die Energie, die uns weiterbringt. Diesel brauchen wir kaum. Unsere Infinity wird uns immer vertrauter und dank unserer Verbesserungen auch immer verlässlicher. Seit Beginn unserer Reise haben wir 7.100 Seemeilen in unserem Kielwasser gelassen und dabei viel gelernt. Mit erlangtem Vertrauen segeln wir auch schon mal in schmälere Kanäle mit Korallenriffen und unmarkierten Untiefen, die es im Mittelmeer so kaum gibt. Als Chartersegler in Kroatien ist man in dem relativ einfach zu navigierenden Revier „verwöhnt“. Dafür erleben wir hier die Natur in ihrer gesamten Schönheit. Trotz Corona haben wir In einem Jahr mit Kroatien, Montenegro, Albanien, Spanien mit Andalusien, Melilla und Ceuta, Gibraltar, Portugal, Gran Canaria, Teneriffa, La Gomera, La Palma, El Hierro, Barbados, St. Lucia, Martinique, Guadeloupe mit den Isles des Saintes, Sint Maarten, St. Croix und St. Thomas von den U.S. Virgin Islands, Culebra, Culebrita und Vieques von den Spanish Virgin Islands erlebt und sind nun auf Puerto Rico, eine für uns nach den kleinen Antillen fast unvorstellbar große Insel. Wer mitgezählt hat: Ja es sind tatsächlich 25 verschiedene Destinationen.

Alles in allem eine Zeit, die unvergesslich ist, die zeigt, dass unsere Entscheidung aufzubrechen und uns unseren Segeltraum zu erfüllen die Richtige war. Auch eine Zeit noch einmal Danke zu sagen an alle, die immer unterstützen, allen voran natürlich unserer Familie und unseren Freunden, die wir hoffentlich bald wiedersehen. Schön, dass wir auch immer wieder Kontakt mit euch allen halten können und ihr euch mit uns freut. Wir freuen uns schon auf eine gemeinsame Zeit in Österreich, dieses Mal hoffentlich „hautnah“, selbstverständlich nachdem alle nasengebohrt haben und negativ sind. Das wird sich aber sicher nicht auf unsere Stimmung auswirken. Danke auch an alle Kaffeekassenspender, die uns immer wieder mit dem geliebten Wachmacher versorgen.

Jetzt ändern wir unsere Richtung. Sind wir bisher meist westwärts gesegelt, geht es jetzt Richtung Norden über die Bahamas an die US Ostküste, weg aus der Karibik um die Hurrikan-Saison sicher zu überstehen. 

2 Kommentare

  1. 🙏Dankeschön für den so persönlichen und interessanten Reisebericht🤗Einfach toll! Danke dass ihr so tüchtig seid! Wir freuen uns mit euch und wünschen euch noch ganz viele schöne Erlebnisse und Freundschaften auf eurer Reise 🤗🥰 Danke fürs dabei sein dürfen👏In herzlicher Verbundenheit eure Mama und Papa Von meinem iPhone gesendet

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    • Dem kann ich mich nur anschließen Danke fürs Teihabebenlassen an eurem Abenteuer.Bleibt noch ein bisserl unterwegs,dann kann ich in Gedanken mitreisen.Hier ist Frühling,in der Wachau blühen die Marillenbäume,aber es ist noch kalt,dann wieder warm bis zu 20 Grad.Wir freuen uns auch auf ein Wiedersehen irgendwann.Passt gut auf euch auf,bleibt gesund und fröhlich.LG Gerhard und Eva

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