111 Tage am Schiff und ein neues Land

Unsere Ausreise aus Montenegro gen Albanien gestaltet sich problemlos. Die Behördengänge beim Ausklarieren sind in aller Frühe rasch erledigt und wir starten vorerst ohne Wind in einen langen Tag. Zu Mittag kommt Wind auf und es wird ein herrlicher Gennakersegel-Nachmittag. Ohne Welle gleiten wir lautlos wie auf Schienen in das Hoheitsgebiet von Albanien. Ein Hoch auf unser 123 m2 großes Leichtwindsegel.

Nachdem in Albanien Angeln ohne weitere Genehmigung erlaubt ist, schleppen wir eine 50 m lange Leine samt Blinker mit bescheidenem Erfolg nach. Immerhin würde unser nagelneuer Bissanzeiger – selbst hergestellt aus einer heimischen Bierdose – gut funktionieren. Nachdem bei Vorwindkursen mit Leichtwind die gefühlte Temperatur am Schiff hoch ist, schleppen wir uns abwechselnd auch selber mit einer Leine nach – Schleppangeln mit uns selbst als Haiköder sozusagen. Die Temperatur auf Vorwindkursen ist am Schiff deshalb höher, weil sich Fahrtwind und Segelwind von hinten egalisieren und damit am Boot scheinbar nahezu Windstille herrscht obwohl wir gute Fahrt machen. An einem sonnigen Tag beschert uns das eine Affenhitze an Bord.

Wir kommen vor Sonnenuntergang in unserem Einklarierungshafen Durres in Albanien an. In Durres legt man an einem hohen Betonkai im Industriehafen an. Marinas für Yachten gibt es in Albanien so gut wie keine. Der Hafenmeister ist äußerst nett und lädt uns gleich für den nächsten Tag mit seiner Frau an den Strand ein. Die Behördengänge werden in Albanien von einem Agenten problemlos erledigt, der auch Ansprechpartner für sämtliche Fragen ist. Er ist es auch, der uns dankenswerter Weise vor Ratten im Hafen warnt. So ein Nager am Schiff kann einem schon die Laune verderben, weil die Viecherl in den unerreichbaren Zwischenräumen des Schiffs ein weitgehend ruhiges Leben führen können ohne behelligt zu werden. Und so kommen unsere orangefarbenen um die Leinen gelegten Rattenabweiser zu ihrem ersten Fronteinsatz. Die Rattenteller bewähren sich, denn wir sehen des nächtens eines der Tierchen in der Nähe unseres Schiffes, bleiben aber vor Ihnen verschont.

Da im Hafen für uns weder Strom noch Wasser noch Diesel problemlos verfügbar ist und unsere Todo-Liste momentan kurz ausfällt, machen wir uns mit einem Mietwagen auf den Weg nach Tirana und Berat. In einem „diplomatisch“ auszustellenden Dienstzeugnis würde Tirana wohl folgendermaßen beschrieben: „Tirana ist eine große Stadt“. Irgendwelche Superlative sowie die „vollste Zufriedenheit“ würde Tirana wohl verwehrt bleiben. Der Skanderberg-Platz und moderne Einkaufszentren mit gutem Preis-Leistungsverhältnis sind die Highlights. Berat hingegen ist eine Augenweide. In dieser Unesco Welterbestätte findet man steinerne Zeugen uralter Kulturen auf mehreren schön bebauten Hängen. Nicht umsonst heißt sie die Stadt der tausend Fenster. Der Kellner einer Bar in Berat schüttet Martin das zu servierende Wasser über die Hose und entschuldigt sich mit den Worten: „Sorry, this is a very emotional moment for me, because you are the first tourists in this season“. Da freut man sich, wenn das kühle Nass am Oberschenkel landet und man hat wirklich das Gefühl, willkommen zu sein. In den Gassen wird unser Lustwandeln sogar einmal lautstark von einem Einwohner an den nächsten weitergesagt.

Albanien hat wie viele Länder seine Klischees, die immer wieder durch Vorfälle genährt werden. George Bush fehlte zur Zeit seiner Präsidentschaft nach dem Händeschütteln beim Staatsbesuch in Albanien plötzlich seine Armbanduhr… Angeblich bekam er sie wieder zurück. Ein Mietauto ohne Vertrag bekommen wir sofort und eines mit Vertrag würde halt länger dauern. Im perfekt gewarteten und frisch geputzten VW Jetta von 2012 finden wir Ouzo im Fahrgastraum (wie praktisch!) und einige Sparbücher im Kofferraum (auch praktisch). Alles bleibt von uns natürlich unangetastet. Dem VW-Zeichen unseres Jetta widerfährt leider das Schicksal der Bush’schen Uhr. Auch die Wiederkehr an die Kühlerhaube bleibt dem VW-Zeichen verwehrt, wird aber bei der Rücknahme des Jetta vom Vermieter als völlig normal quittiert. Der nette Hafenmeister erklärt uns ausschweifend, wie sicher der Hafen sei, da hier ohne Berechtigung niemand reinkäme und alles mit Kameras überwacht sei und so weiter. Am Schluss seiner Ausführungen fragt er uns noch, ob wir das Schiff auch ganz sicher versperrt zurücklassen, wenn wir auf Landgang gehen, was uns etwas an seinen vorherigen Ausführungen zweifeln lässt. Dazu kommt, dass auch wir selbst keine Berechtigungskarte für den Eintritt in den Hafen bekommen. Wir schaffen es aber doch jedes Mal, da die Ausfahrts-Autoschranke bequemen Eintritt gewährt. In Kroatien stand Infinity übrigens ganze 2 Jahre unverschlossen und es fehlte nichts. Unser Misstrauen in Albanien straft uns Lügen. Ein belauschtes uns verdächtiges Telefonat am Steg über unser Schiff veranlasst uns dazu, die unversperrbaren Motorenräume des Schiffs in jedem Winkel auf illegale Fracht zu durchsuchen, die womöglich von uns unbemerkten Dritten von an Bord gebracht wurde. Siehe da, wir finden mit der Kamera an einer beinahe unzugänglichen Stelle ein weißes Paket im Motorraum. Nach einigen gekappten Kabelbindern und Verrenkungen zieht Martin ein weißes Putztuch aus Schiffs-Urzeiten hervor. Große Erleichterung. In Summe ist Albanien ein schönes Land mit sehr hilfsbereiten freundlichen Bewohnern. Hier leben auch mehrere Religionen im besten Einvernehmen ohne Zwischenfälle miteinander. Nett anzuhören ist der dadurch entstandene abendliche Wettbewerb zwischen Kirchenglocken und Muezzins. Respekt!

Autos sind hier ein begehrtes Statussymbol. Die Innenstadt von Durres beherbergt abends eine AMG-Sternenflotte, die lautstark mit Vollgas und Vollbremsung von einem Fußgängerübergang zum nächsten manövriert wird. Für Zuschauer und Fußgeher ist das bei Weitem spannender als jedes Formel 1 Rennen. Hier werden die Rennen nicht in der Box entschieden sondern von querenden Fußgehern. Gottseidank an diesem Abend erstaunlicher Weise unfallfrei. Die entstehende Soundkulisse der brüllendem kernigen V8 Motoren im 1. Gang Vollgas beim Eis Löffeln ist übrigens purer Hochgenuss. Dafür zahlt man woanders gar nicht wenig Eintrittsgeld.

Wir verlegen unseren Liegeplatz aus dem Industriehafen in die Bucht von Vlora. Einen kurzen Abschnitt müssen wir unter Motor fahren. Plötzlich bildet sich eine kleine Wasserlache unter dem Steuerbordmotor. Der Geschmackstest macht dich sicher: Seewasser. Die Tropfen kommen vom Impellergehäuse. Als das Wechseln der Impeller-Dichtung und das Anziehen der Schlauchschellen am Impellergehäuse nichts bringt, kommt via WhatsApp von Nikola, dem Basisleiter von Pitter Trogir prompt die Anleitung zur Behebung des kniffligen Wechsels des hinteren Simmerings. Gut dass wir ein ganzes Schiff aus unseren Ersatzteilen basteln könnten und vieles mithaben. So können wir aus der Reserve-Wasserpumpe die entsprechenden Ersatzteile ausbauen und in unsere leckende Wasserpumpe einbauen. Vielen Dank an das gesamte Pitter-Team in Trogir. An einem Tag mit 33 Grad Außentemperatur im Motorraum zu basteln, lässt den Schweiß in Strömen fließen. Gut, dass unser kingsize Salzwasser Outdoor Pool namens Adria mit 27 Grad etwas Abkühlung bringt.

2 Kommentare

  1. Hallo ihr Lieben, danke für die wunderbaren Bilder und den tollen Bericht. Ihr seid ein super Team. Schön zu sehen, dass es euch so gut geht. Genießt es!!! Aber passt`s auf dass euch der weiße Hai nicht erwischt. Glg Claudia und Willi

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  2. Dankeschön für den spannenden, schönen Bericht Und die Bilder, wirklich interessant und humorvoll geschrieben! Der beste Weg zum SchriftstellerInn👏Mit lieben Grüßen Mama Von meinem iPhone gesendet

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